Guten Abend,

wo ich am 9. November 1989 war? Keine Ahnung. Ich muss wohl ausnahmsweise mal nicht, wie damals so oft, auf Dienstreise im Ausland, sondern zu Hause gewesen sein und irgendwann die „Tagesthemen“ eingeschaltet haben, denn ich erinnere mich sehr deutlich, wie der Moderator Hanns Joachim Friedrichs gewohnt unaufgeregt und souverän im karierten Jackett durch die Ereignisse des Tages führte, dem er mit Recht das Attribut „historisch“ zuerkannte. „Die Tore in der Mauer stehen weit offen“, lautete sein vielleicht meistzitierter Satz dieses Nachrichtenabends. Wer sich jetzt nicht freute, vorerst noch verhalten, später mit Jubelgeschrei und Schampus, war vermutlich entweder beim Geheimdienst, bei der Stasi, im Politbüro oder schon tot. Eine friedliche Revolution! Und das in Deutschland!

Im Rückblick kommt es mir so vor, als wäre ab diesem Zeitpunkt eine wahre Sturzflut an Ereignissen über uns hereingebrochen. Die einen gerieten mitten in den Strudel, die anderen, auch ich, bekamen ihn über die Medien frei Haus geliefert, während ihr tägliches Leben davon mehr oder weniger unberührt blieb. Außer dass Hamburg binnen kürzester Zeit von ulkigen Zweitaktern in Schilfgrün, Delphingrau, Kristallblau oder anderen schrägen Farben bevölkert war und im Supermarkt Sächsisch gesprochen wurde, was aber schon vorher so gewesen sein könnte, denn im Frühsommer hatte man aus Platzmangel DDR-Flüchtlinge in flugs geräumte Bordelle rund um die Reeperbahn einquartiert.

Meine ausländischen Kolleginnen und Kollegen, vor allem die aus den USA, gratulierten zum Mauerfall und fragten, wann denn nun die „Reunification“ komme. Ach, das dauert noch, antwortete ich voller Überzeugung. Irrtum! Demokratie oder D-Mark, Reisefreiheit oder Runde Tische, Bananen oder Bürgerforen – es gab heiße Diskussionen, nicht alle waren glühende Befürworter einer Wiedervereinigung, aber bald galt als Spielverderber, wer Bedenken zu äußern wagte. Oskar Lafontaine zum Beispiel, damals SPD-Kanzlerkandidat. Ob Helmut Kohl es ohne Mauerfall und Wiedervereinigung noch einmal geschafft hätte, die Bundestagswahl am 2. Dezember 1990 zu gewinnen, ist zweifelhaft. 

Im Laufe des Jahres 1990 setzte bei mir nach anfänglicher Freude jedenfalls ein leises Bauchgrimmen ein. Immer wieder murmelte eine innere Stimme: „Wenn das mal gut geht!“ Dabei hätte ich gar nicht sagen können, was genau schiefgehen sollte. Es war mehr ein vages Gefühl, dass all jene aus dem vormaligen Arbeiter- und Bauernstaat, die jetzt so euphorisch und „der Zukunft zugewandt“ waren, sich in der kalten kapitalistischen Zugluft was wegholen könnten und einfach nicht wussten oder nicht wissen wollten, was da auf sie zukam.

Im Westen juxten einige, vor allem Jüngere, ob nicht vielleicht ein anderes Land sich mit uns vereinigen könne, möglichst eins mit besserem Wetter. Die DDR war uns zwar geografisch nah, aber viele konnten mit ihr nichts anfangen. Auch für mich war sie das, was für Leute aus den Ost- oder Westküstenstaaten der USA die „flyover states“ in der Mitte des Landes sind, über die man eben nur drüberfliegt. Eine Transitstrecke auf dem Weg nach West-Berlin, da musste man eben durch. Grau wirkte sie, mit seltsamen Parolen an Hauswänden, scheinbar menschenleer und wie aus einer anderen Zeit. Kontakte beschränkten sich auf eher humorlose und sehr wortkarge Grenzbeamte und das Bedienungspersonal in Raststätten wie Perleberg-Quitzow, wo man zu sensationellen Preisen essen und trinken konnte. Wenn nicht gerade „Hamwernich“ serviert wurde. Erst auf einer Reise nach Prag und Ungarn lernte ich 1984 Leute aus der DDR kennen und stellte fest: Eigentlich ganz nett. Aber das blieb die einzige Begegnung. Mauerfall? Davon hätte niemand zu träumen gewagt.

Und dann waren wir, zack, wiedervereinigt. Eine ganz neue Geschichte begann. Heute gibt es Bibliotheken voller Sachbücher, Romane, Artikel, Studien, Dokus und Spielfilme über so ziemlich alles, was gut und was schlecht lief. Ost und West stehen sich nach dreißig Jahren ratlos gegenüber wie ein Ehepaar, das nicht recht weiß, wie es weitergehen soll – dabei war man doch mal so verschossen ineinander. Vielleicht ist es Zeit, sich tief in die Augen zu schauen und zu fragen: „Wollen wir es nicht noch mal miteinander versuchen?“ Leicht wird es nicht, aber ein Oxit oder Wexit ist ja auch kein Ausweg. „Ich möchte am liebsten weg sein/und bleibe am liebsten hier“, sang einst Wolf Biermann. Das Lied war auf die DDR gemünzt, aber es passt noch immer. Oder schon wieder. Es beginnt so:

„Und als wir ans Ufer kamen,
und saßen noch lang im Kahn,
da war es, daß wir den Himmel
am schönsten im Wasser sah'n.“

9. November

Kerstin Eitner
Redakteurin

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