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Bürgerpflicht Widerstand

Greenpeace Magazin Ausgabe 6.18

Bürgerpflicht Widerstand

Text: Daniel Sander Foto: Jens Schwarz

Der geplante Bau einer atomaren Wiederaufarbeitungsanlage in der Oberpfalz machte in den Achtzigerjahren Zehntausende Bürger zu Aufständischen gegen die bayerische Landesregierung. Ein neuer Kinofilm erzählt die Geschichte einer Studentin und eines Lokalpolitikers, die an vorderster Front kämpften und mithalfen, die Anlage zu verhindern. Hier erinnern sich die beiden Vorbilder der Filmfiguren an die Wasserwerfer am Bauzaun und verlorene Freundschaften

Am 11. Dezember 1985 um kurz nach halb elf fällt der erste Baum, es ist eine Kiefer. Die bayerische Staatsregierung hat riesige Holzerntemaschinen aus Schweden besorgen lassen, die in kürzester Zeit ganze Wälder zermalmen können. Mindestens eine halbe Million Bäume sollen im Taxöldener Forst bei Wackersdorf abgeholzt werden, für eine strahlende Zukunft, für die erste kommerzielle Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) von Atommüll in Deutschland. Die Demonstranten stehen weit weg, aber sie hören das Kreischen der Sägen. Es klingt wie eine Kriegserklärung.

„Das Geräusch von Motorsägen kann ich bis heute nicht ertragen“, sagt Irene Maria Sturm 33 Jahre später in die Stille ihres sanft verwilderten Gartens hinein. Die ehemalige Aktivistin, 59, lebt noch immer in Schwandorf, einer Kreisstadt, vier Kilometer von dort, wo einst ein Stahlzaun das Baugelände schützen sollte vor Menschen wie ihr. Sie weiß nicht mehr, wie oft sie dort stand und gegen die Maschinen angebrüllt hat, gegen die Polizisten, die Wasserwerfer, die Hubschrauber. Sie weiß nur, dass es geholfen hat, irgendwie.

Wegen Menschen wie Sturm gibt es heute in Deutschland keine atomare Wiederaufarbeitungsanlage. Sie haben den Regierungsversprechen von Wohlstand und Arbeitsplätzen nicht geglaubt und schon gar nicht der Einschätzung des bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß, so eine Anlage sei „nicht gefährlicher als eine Fahrradspeichenfabrik“. „Man dachte, uns könnte man das aufs Auge drücken“, sagt Sturm. „Den Oberpfälzern, obrigkeitshörig und brav.“ So kann man sich täuschen.

Die WAA und Wackersdorf – das waren Reizbegriffe für eine ganze Generation. Sie standen für den Allmachtsanspruch der Staatsregierung in München, für Bilder von entfesselter Polizeigewalt. Aber auch für die Kraft des zivilen Ungehorsams, für die Bürgerpflicht, gegen Unrecht zu kämpfen. Es war ein Kampf, der die Republik veränderte und diejenigen für immer prägte, die an vorderster Front standen. Seit September läuft ein Spielfilm in den deutschen Kinos, der die Ereignisse von damals aufarbeitet: „Wackersdorf“ heißt er. Er zeigt Irene Maria Sturm in der Rolle ihres Lebens, als Aktivistin aus der Oberpfalz, mit anderem Namen zwar, gespielt aber mit der gleichen Wut und Leidenschaft von ihrer eigenen Tochter. „Es hat mein Leben bestimmt“, sagt sie. „Von früh bis spät.“ (...)

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