Guten Abend,

mit der Nummer „Wir sägen den Ast ab, auf dem wir sitzen“ könnten wir eigentlich im Zirkus auftreten. Als dumme Auguste(n), versteht sich, denn die Sache wird absehbar eher zu unsanften Stürzen führen als Beifallsstürme für die artistische Leistung auslösen. Sollten wir, statt weiter in einem Höllentempo Arten auszurotten, nicht lieber mal den Drahtseilakt proben, diese zu schützen?

Denn jetzt haben wir es schriftlich: Drei Viertel der Erdoberfläche (Ozeane nicht mitgerechnet) hat der Mensch bereits verändert. Flächenfraß, Ressourcenausbeutung, Landwirtschaft, Klimawandel – die Ursachen für das große Artensterben sind vielfältig. Der Bericht des UN-Weltbiodiversitätsrats IPBES liefert auf rund 1000 Seiten Zahlen und Fakten (siehe dazu auch die Meldungen dieser Woche auf unserer Website). Immerhin, alle 132 IPBES-Mitgliedsstaaten haben mit ihrer Unterschrift unter den Bericht signalisiert: Wir wissen, die Lage ist ernst, und wir wollen und müssen was tun.

Aber unterschreiben ist leicht, kompliziert wird es, wenn es ans Eingemachte geht. Zum Beispiel bei der Diskussion über die Reform der GAP, der Gemeinsamen europäischen Agrarpolitik der EU, die knapp 60 Milliarden Euro pro Jahr an Landwirte verteilt – ein Füllhorn, von dem vor allem Großbetriebe profitieren, denn gezahlt werden 300 Euro pro Hektar, egal wie da gewirtschaftet wird. Folge: Immer mehr kleinbäuerliche Betriebe geben auf, und die Biodiversität bleibt auf der Strecke. Auch die Kommissionsvorschläge für die neue GAP, die ab 2021 in Kraft tritt, belohnen ökologisches Handeln längst nicht genug, monieren EU-Abgeordnete und Umweltverbände. Sie und ich berappen pro Nase 114 Euro pro Jahr für die EU-Agrarpolitik. Da tun wir gut daran, bei den anstehenden Wahlen zum Europaparlament  darauf zu achten, wer sich für eine nachhaltige Landwirtschaft einsetzt.

Selber machen geht aber auch: Sollten Sie einen Garten besitzen, dann beherzigen Sie den Ratschlag von Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung und Mitautor des IPBES-Berichtes und wagen Sie mehr Chaos und Unordnung, also weniger kurzgeschorener Rasen, keine Gifte, dafür mehr Kräuter und Blumen pflanzen. Dasselbe gilt für öffentliche Grünanlagen. Klingt simpel, aber dafür muss natürlich erst mal der deutsche Ordnungssinn oder auch -wahn überwunden werden.

Der Große Artenschutzverdienstorden gebührt der Person oder Institution, die es schafft, die Strukturen der deutschen Agrarlobby zu zerschlagen. Einige in Berlin und/oder Brüssel aktive Landwirte mit Abgeordnetenmandat und andere Bauernfunktionäre sind so unentwirrbar mit anderen Akteuren vernetzt und verflochten, dass einem schwindlig wird: mit Düngemittel- und Landtechnikproduzenten, Banken, Versicherungen, Verbänden und Lebensmittelfabrikanten. Hier können Sie dem Kabarettisten Max Uthoff beim fachgerechten Zerlegen eines solchen Gebildes in Gestalt des CDU-Parlamentariers Johannes Röring zuschauen (ab ca. Minute 40).

Was wir außerdem brauchen, sind mehr Naturschutzgebiete, zu Wasser und zu Lande. Geradezu ideal eignen sich dafür genutzte oder ehemalige Truppenübungsplätze: Ausgedehnte Areale ohne Siedlungen, asphaltierte Straßen, Dünger oder Pestizide sind Paradiese für seltene Pflanzen, für Wölfe, Vögel, Fledermäuse, Eidechsen oder Käfer. Auch verlassene Gefängnisinseln bieten vielen Arten (Über-)Lebensräume, manche sind heute bereits Nationalparks wie Coiba (Panama), Isla Beata (Dominikanische Republik), Gorgona (Kolumbien), Fernando de Noronha und Ilha Grande (Brasilien), Fort Jefferson (Florida, USA) oder Tarutao (Thailand). In Mexiko setzen sich derzeit Meeresbiologen dafür ein, den Archipel Islas Marías, auf dem sich bis März dieses Jahres eine Strafkolonie befand, unter Schutz zu stellen, um die noch relativ intakten Wälder und Korallenriffe zu bewahren. Militärgelände und Gefängnisinseln zu Biotopen, das gefällt mir.

Ebenso die Idee des Restaurantbetreibers Anthony Myint aus San Francisco, die ab Herbst auf ganz Kalifornien ausgeweitet werden soll: Er erhebt schon länger einen optionalen „Klimazuschlag“ auf die Rechnung. Mit dem Geld werden Farmer unterstützt, die klimafreundlicher wirtschaften wollen, indem sie und ihren Boden mittels Kompost verbessern, Zwischenfrüchte oder Hecken pflanzen – was auch Insekten und Vögel freuen dürfte, denn Klimaschutz ist Artenschutz. Mehr davon, und wohl bekomm's!

Die Kunst des Artenschutzes

Kerstin Eitner
Redakteurin

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