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Jeder kann die Welt verbessern

Greenpeace Magazin Ausgabe 6.18

Jeder kann die Welt verbessern

Text: Hilal Sezgin Illustration: Laura Breiling

„Allein kann man doch eh nichts ausrichten“ – angesichts von Massentierhaltung, Klimawandel und anderen Herausforderungen unserer Zeit denken das viele. Unsinn, sagt die Publizistin Hilal Sezgin. Das Wissen um unsere gemeinsame Verantwortung gibt jedem von uns die Kraft zu handeln

Monatelang klagten wir über den heißen Sommer. Dürre, Ernteausfälle, Klimawandel. Eine leise Ahnung dessen, was für Menschen in anderen Teilen der Welt längst Realität ist, und ein Vorgeschmack auf das, was auch uns im reichen Norden blühen könnte. Und dennoch ändert sich am Leben der meisten Menschen wenig. Noch während sie klagen, stehen sie um den Grill herum und legen zum Trost ein weiteres Kotelett auf – wohl wissend, dass die Erzeugung tierischer Nahrungsmittel einer der Hauptverursacher des Klimawandels ist. Man erzählt einander vom zurückliegenden Badeurlaub im Süden – obwohl jedem der Zusammenhang von Flugreisen und Erderwärmung klar ist. Sogar zu Symposien über Klimawandel und Ökologie reisen Vortragende und Gäste oft per Inlandsflug an – anders wäre das zeitlich nicht zu schaffen, erklären sie. Außerdem: Auf den einen oder anderen Flug, das eine oder andere Steak komme es ja doch nicht an. Vielmehr müsse sich grundsätzlich etwas ändern.

Ja, gewiss, es muss sich grundsätzlich etwas ändern. Aber das heißt ja nicht, dass der oder die Einzelne von jeder Verantwortung entlastet ist. Es mag bisweilen enttäuschend sein, keinen Effekt des eigenen Handelns auf größere Zusammenhänge unmittelbar erleben zu können; aber der voreilige Schluss, als Einzelner sei der Mensch machtlos, ist Unsinn. Natürlich kann keiner von über sieben Milliarden Menschen allein die Welt umkrempeln. Aber die Welt lebt davon (oder stirbt daran!), dass jede und jeder sich am Umkrempeln beteiligt – oder eben nicht. Der moralische Imperativ nach Immanuel Kant lautet, dass jeder so handeln solle, dass die Maxime des eigenen Handelns allgemeines Gesetz werden könne. Konjunktiv. Aber dieses abstrakte moralphilosophische Diktum hat eine ganz praktische Seite – und zwar im Indikativ: Denn vor vielen moralisch bedeutsamen Entscheidungen unserer Lebensführung stehen wir nicht allein. Wir wissen, dass dieselbe Situation Alltag für Millionen andere ist. In solchen Momenten sollte jeder so handeln, dass sich das eigene Verhalten um den Faktor der betreffenden Menschen multiplizieren ließe.

So wissen wir zum Beispiel jedes Mal, wenn wir an die Wahlurne gehen, dass unsere Stimme als eine von Abermillionen nicht ins Gewicht fällt. Aber die meisten Menschen wählen trotzdem, weil sie darauf vertrauen, dass Millionen anderer dies ebenso tun. Bei einem Hochwasser füllen freiwillige Helferinnen und Helfer Sandsäcke und tragen sie zum Deich; natürlich kann ein Sandsack allein das Wasser nicht aufhalten, aber wir können gewiss sein, dass viele andere ebenfalls Sandsäcke dorthin tragen werden. Gemeinsam wählen wir eine Regierung (oder eine Opposition), gemeinsam bauen wir einen Damm. Wenn wir nach einer Katastrophe Geld spenden, wissen wir, dass unser Geld allein keinen Flieger mit Hilfsgütern füllt: ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber viele Tropfen ergeben eben auch einen Liter. Und gerade weil wir nur einer von sieben Milliarden sind, können wir uns ausrechnen, dass am Ende etliche Liter zusammenkommen.

Warum fällt uns das in anderen Situationen so viel schwerer, in denen es auf eine Verhaltensänderung und Übernahme von Verantwortung ankommt? Warum denken noch so viele Menschen, es mache keinen wirklichen Unterschied, ob sie eine Wurst aus Schwein auf den Grill legen oder eine Wurst aus Lupinen? Im Fernsehen haben sie schon zig Dokumentationen über das Darben in Mastanlagen gesehen. Sie wissen, welche Qualen Tiere im Tiertransporter ausstehen, und sie wissen, dass kein Schwein, keine Kuh, kein Huhn und keine Pute freiwillig und ohne Ängste und Schmerzen dem Tod im Schlachthaus entgegengeht (oder getrieben wird). Aber dann kommt plötzlich diese eigenartige gedankliche Lähmung: Ob sich ein Einzelner gegen die Tradition stelle, mache doch keinen Unterschied.

Es gibt viele Beispiele, die zeigen, was ein Einzelner erreichen kann, im Schlechten wie im Guten. Nur ein Mensch braucht ein Loch in den Damm zu bohren, schon ist die gesamte Konstruktion in Gefahr. Aus der Zeit des Vietnamkriegs ist ein Beispiel bekannt, wo ein einzelner Mann ein Massaker stoppte. Das war der damals 22-jährige Hubschrauberpilot Hugh Thompson. Als er mitbekam, wie Kameraden am Boden auf Zivilisten schossen, drohte er damit, seinerseits das Feuer auf sie zu richten, wenn sie nicht sofort innehalten würden.

Ein Held, würde man jetzt denken. Jemand, der seiner Verantwortung gerecht wurde. Man könnte meinen, er sei im Nachhinein weithin gefeiert worden. Doch dem war nicht so. Er erhielt zwar Ehrungen – aber auch Morddrohungen. Auf seiner Veranda fand er Tierkadaver.

Zivilcourage fällt uns schwer, weil wir Menschen leichter gemeinsam in Passivität verfallen oder uns schlimmstenfalls in einen kollektiven Blutrausch hineinsteigern, als uns gegen die Menge zu stellen. Das ist psychologisch noch recht leicht verständlich. Zwar kann man lernen, der- oder diejenige zu sein, der oder die widerspricht, aber zunächst einmal sind wir Menschen Rudeltiere, wir folgen dem Rest und kreieren gemeinsam Normen. Warum aber wird einer wie Thompson, der aus der Ferne als Held erscheint, von den unmittelbar Umstehenden abgelehnt und verfemt?

Die Moralpsychologie sagt, dass uns der Held oder die Heldin im Nachhinein aufzeige, wie wir selbst hätten handeln können: verantwortungsvoller. Besser. Ihr Vorbild ist für uns Mahnung dafür, was wir versäumt haben. Obwohl Gutes tun und gut sein ja eigentlich keine Wettbewerbe sind, neigen wir stets zu Vergleichen –und in moralischer Hinsicht schlecht abzuschneiden, das schmerzt. Hier zeigt sich ein Aspekt von Verantwortung, mit dem wir uns schwertun: mit der in die Vergangenheit gerichteten Verantwortung. Wir sind mitverantwortlich für das, was ist, weil wir mitgemacht haben (oder eben nicht mitgemacht haben) bei dem, was geschah. Wenn eine Entwicklung für uns nicht gut ausging, regen sich oft Schuldgefühle. All das sind Gründe, warum es uns so schwerfällt, ein Fehlverhalten zu ändern. Und warum ausgerechnet der Begriff „Gutmensch“ heutzutage als infames Schimpfwort gebraucht wird.

Verantwortung hat aber auch eine zukunftsgerichtete Bedeutung: Wir tragen Verantwortung für das, was noch geschehen wird. Auch diese Art von Verantwortung ist nicht beliebt, was allerdings momentan für sehr vieles gilt, was mit Moral zu tun hat. Jahrelange öffentliche Schimpfereien über „Moralisten“, Veganer und „Ökos“ haben dazu geführt, dass man sich fast geniert anzusprechen, dass sich gewaltig etwas ändern muss, damit in einem Jahrhundert überhaupt noch Menschen in nennenswertem Maße auf der Erde heimisch sein können.

In den Medien und öffentlichen Debatten waren es konservative bis richtiggehend rechte Kräfte, die das Geschimpfe angeführt haben; aber es gibt auch einen rationaleren und dennoch unberechtigten Grund für die Scheu vor der Moral. Wir haben uns angewöhnt, Moral als etwas extrem Altruistisches zu verstehen, das unserem privaten guten Leben im Wege steht (oder uns zumindest ständig Opfer abverlangt).

Der frühneuzeitliche Systemdenker Thomas Hobbes, der als Vater der Vertragstheorie der Gesellschaft gilt, unterstellte einst, dass der Einzelne zunächst einmal egoistisch sei und erst mühsam überredet werden müsse, sich anderen gegenüber wohlwollender zu verhalten. Ihm zufolge sind es ursprünglich eigennützige Motive gewesen, aus denen sich Menschen zu Gesellschaften zusammenschlossen; ökonomischer Austausch und Schutz vor Gewalt zum Beispiel.

Dieses Bild vom Menschen jedoch ist verzerrt, und besonders gut gezeigt hat dies die Kritik der feministischen Ethik am Mainstream-Modell der Moral: Tatsächlich würde keine und keiner von uns existieren, wenn wir nicht in den ersten Lebensjahren intensiv versorgt, betreut und hoffentlich auch geliebt worden wären. Fürsorge ist die erste Erfahrung, die wir mit anderen machen, nicht kalter Egoismus. Hobbes verwendete einmal das Bild, man möge sich vorstellen, dass Menschen wie Pilze aus dem Boden schössen; dagegen wandte die feministische Philosophin Seyla Benhabib ein, dass Menschen nun gerade nicht solitär entstünden, sondern in einem Geflecht von Fürsorge und Gesellschaft. Biologisch gesehen ist es sogar so, dass auch Pilze nicht vereinzelt aus dem Boden schießen, sondern ihre Fruchtkörper zumeist einem weitverzweigten unterirdischen Geflecht entsprießen. Pilze sind keine Einzelgänger, und erst recht sind wir Menschen keine unsozialen Wesen. Mit jedem Bissen, jedem Schritt und jedem Wort sind wir in kooperative Verhältnisse eingebettet und mit Nahestehenden wie Fremden auf vielfältige Weise verbunden.

Der scharfe Gegensatz von „für mich“ und „für dich” sollte keine Zukunft mehr haben; die Gegenüberstellung von Altruismus und Egoismus führt in die Irre. Ohnehin dürfte die Gültigkeit von John Donnes Wort, kein Mensch sei eine Insel, in Zeiten des Klimawandels und weltweiter Fluchtbewegungen richtiger geworden sein denn je.

Unsere Welt ist eine gemeinsame; und wenn wir uns an „Weltverbesserung“ versuchen – auch so ein Wort, das in letzter Zeit schrecklich diffamiert wurde – verbessern wir die Welt weder nur für die anderen noch nur für uns allein. Vielmehr arbeiten wir an einer Welt, in der wir gemeinsam leben wollen.

Wenn es darum geht, eine lebenswerte Zukunft für alle, für Mensch, Tier und Natur zu sichern, tragen wir Bewohnerinnen und Bewohner der reichen Länder eine besonders große Verantwortung. Und das sollte uns nicht abschrecken, sondern Mut machen: Wer Verantwortung hat, muss nicht passiv erdulden, sondern kann selbst eingreifen. Verantwortung zu übernehmen ist das beste Mittel gegen Zukunftsangst und Ohnmachtsgefühle! Wir müssen der Ausbreitung der Dürre, dem Verfall der Küstenlinien, der Flucht der Menschen aus dem Süden und dem milliardenfachen Leid der Tiere nicht wie gelähmt zusehen, wir können etwas unternehmen. Wir können heute damit anfangen. Auch wenn wir nicht gleich ein überwältigendes Ergebnis sehen werden, machen wir es morgen und übermorgen erneut.

Über die Autorin
Die Schriftstellerin, Journalistin und studierte Philosophin Hilal Sezgin, 48, engagiert sich unter anderem in der Tierrechtsbewegung. 2017 erschien ihr Buch „Nichtstun ist auch keine Lösung“ (Dumont). Die überzeugte Veganerin lebt in einem Dorf bei Lüneburg, wo sie einen Gnadenhof betreibt.