Fokus

Kern­spal­tung

In der Reportage aus unserem Friedensheft erzählen wir, wie Atommüll ein Dorf in Frankreich spaltet

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Kern­spal­tung

In der Reportage aus unserem Friedensheft erzählen wir, wie Atommüll ein Dorf in Frankreich spaltet

Text: Fabian Federl

Fotos: Lèo Pierrard

 

Seit klar ist, dass im ostfranzösischen Bure ein Atommüllendlager entstehen soll, sind dort erst Aktivisten, dann Polizisten eingefallen. Dazwischen stehen die neunzig Dorfbewohner. In der Ausgabe des Greenpeace Magazins 1.19 sind wir dem gefährdeten Dorffrieden nachgegangen.

Im Juni 2017, um kurz nach sechs Uhr morgens, hört Michel Maltrud, ein 69-jähriger Mann mit weißen Haaren und roten Wangen, ein Rumpeln in der Küche seines Hotels „Bindeuil“. Der Koch setzt bestimmt den Kaffee auf, denkt sich Maltrud, der stets im Hotel ist, bevor die ersten Gäste aufstehen. Doch dann hört er Glas zersplittern und ein lautes Zischen, als hätte jemand Spiritus in einen Kamin geschüttet.

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Er öffnet seine Bürotür, sieht am Ende des Ganges sechs Männer, maskiert, zwei von ihnen mit Baseballschlägern in der Hand. Sie bemerken ihn, Maltrud schließt die Tür und drückt sich dagegen. An der Wand lehnt sein Jagdgewehr. Er überlegt kurz, dann nimmt er den Feuerlöscher, entsichert ihn, stößt die Tür auf. Die Einbrecher sind weg. Aus der Küchentür quillt dicker Rauch, am Boden liegen Ölflaschen. „Die denken, dass wir zur Atombehörde gehören“, sagt Michel Maltrud ein halbes Jahr später. Er läuft hastig durch den Frühstücksraum, in dem rund sechzig Gendarmen sitzen, bewaffnet, in kugelsicheren Westen, die schwarzen Helme auf dem Tisch abgelegt. „Früher waren hier höchstens ein paar Geologen und Physiker“, sagt Maltrud, „seit dem Brand ist die Hälfte meiner Kundschaft bewaffnet.“ Dutzende Polizisten frühstücken regelmäßig bei ihm oder essen zu Abend.

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Für das Geschäft sei das ein Segen, sagt er, „mit dem Frieden im Dorf aber ist es vorbei“. Maltruds Hotel steht auf einem Hügel oberhalb von Bure, einem Dorf dreieinhalb Autostunden östlich von Paris. Eingezwängt zwischen einem Betonwürfel, der dem Stromanbieter EDF als Bürogebäude dient, und einer Testanlage der französischen Atombehörde Andra, die – vergleichbar mit dem Bundesamt für Entsorgungssicherheit (BfE) in Deutschland – für die Endlagerung des Atommülls zuständig ist. Die Testanlage ist Vorbote für das, was hier entstehen wird: ein unterirdisches Endlager für die Atomnation schlechthin. Kein Land in Europa hat annähernd so viele Reaktoren wie Frankreich. 2030 soll die erste Tonne Nuklearabfall in Bure eingelagert werden. Das lockte Aktivisten in das Dorf, die den Bau des Endlagers noch verhindern wollen. Ihnen folgten Polizisten, um die Proteste zu kontrollieren.

Leidtragende sind nun die neunzig Einwohner, auf deren Boden der Konflikt ausgetragen wird. Und die sich oft nur noch eines wünschen: dass wieder Ruhe einkehrt. Dass alle wieder verschwinden, Polizei, Aktivisten, Atombehörde. Wer nach Bure fährt, kommt an vielen Feldern, Wiesen und Wäldern vorbei und passiert schmale Zufahrtsstraßen. Kurz vor der Dorfeinfahrt tauchen am Straßenrand schon die ersten Polizeibusse auf, dann immer mehr. Wer hier durch will, wird kontrolliert. Auf der brandneu geteerten Hauptstraße blitzt nur an manchen Stellen noch das alte Bauerndorf durch: Steinmäuerchen vor einstöckigen Häusern, Blumenkästen vor den Fenstern.

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Keine Geschäfte, dafür eine alte Backsteinkirche. Gleich daneben steht das „Haus des Widerstands“, eine ehemalige Scheune mit besprühten Fenstern und bunten Transparenten: „Geopfertes Dorf“ und „Stop Bure“ steht darauf. Hinter dem Haus ist eine Art Camp entstanden, Wohnwagen, Zelte und Werkbänke stehen um einen Feuerplatz. Dutzende junge Menschen sitzen herum. Reden will niemand, fotografiert werden schon gar nicht. Beim Versuch, sich der Polizei zu nähern, die unweit entfernt parkt, kann es passieren, dass man eine halbe Stunde lang befragt und dann des Platzes verwiesen wird. Auf dem Weg durch das Dorf, auf der Suche nach Bewohnern, die reden wollen, folgt ein Polizeiauto mit einigen Metern Abstand sogar den Fremden.

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Die Menschen sind an die hohe Polizeipräsenz mittlerweile gewöhnt. Ein Nachbar des „Hauses des Widerstands“, 85 Jahre alt, hielt am Anfang zu den jungen Leuten von nebenan, weil er sich von Andra belogen fühlte. Dann aber seien immer mehr Leute gekommen, denen es nur um Zerstörung gegangen sei. Das müsse er in seinem Alter nicht mehr mitmachen, sagt er. Ein paar Meter weiter: Ein Mann steht vor seinem Gartentor und erzählt, dass er gerade ausziehe. Aktivisten hätten herausgefunden, dass er bei Andra arbeitet. Seitdem habe er keine Ruhe mehr. Eine Mittvierzigerin, die ihren Hund spazieren führt, erzählt von Vans mit Antennen und geschwärzten Fenstern. Jedes Mal, wenn einer vorbeifährt, rufe sie eine Freundin an und sage: „Andra, Bombe, morgen“. Dann kichern sie, legen auf und schauen, was der Van so macht.

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Der Grund für den Ausnahmezustand liegt weniger als einen Kilometer von der Hauptstraße entfernt in 500 Metern Tiefe und wirkt wie eine Raumstation. 1,8 Kilometer Röhren, breit und hoch wie ein Autobahntunnel, ziehen sich durch die Testanlage. Gabelstapler fahren kreuz und quer, Schutthaufen liegen neben glatt polierten Wänden mit Monitoren. Das röhrende Brummen der Belüftung drückt alle Geräusche in den Hintergrund. Das Endlager Bure wird mindestens 25 Milliarden Euro kosten. Es ist Frankreichs teuerstes Bauprojekt. Rund zwei Milliarden Euro hat bereits die Forschung gekostet; sobald Sicherheit besteht, soll der Ausbau schnell gehen – und dann kann er kommen: der Müll des Mülls, der hochradioaktivste unter allen Nuklearabfällen. Nur 0,2 Prozent der gesamten Atommüllmasse macht er aus, enthält aber 98 Prozent der gesamten Radioaktivität. Um die drei Meter langen, abgebrannten Brennelemente zu lagern, werden sie bis auf die Größe von Mikadostäben zerteilt, zu schwarzem Pulver gemahlen und mit geschmolzenem Glas übergossen.

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Diese „Glaskokillen“ werden in Edelstahltonnen gepackt, mit zwanzig Zentimeter dickem Stahl ummantelt, in einen vier Quadratmeter großen Block einbetoniert, schließlich in einen gusseisernen Käfig gepresst und tief im Erdreich vergraben, das hier ton- und quarzhaltig ist. Das älteste frei stehende Bauwerk der Welt, der Ggantija-Tempel in Malta, ist 5600 Jahre alt. Gusseisen kennt die Menschheit seit dem 5. Jahrhundert vor Christus, Beton seit der Römerzeit, Edelstahl seit 1912. Keines der Materialien, die den Atommüll abschirmen sollen, existiert annähernd so lange, wie es von jetzt an halten soll: mindestens 100.000 Jahre. Diese Hybris ist der Hauptantrieb für die Gegner des Endlagers – in Bure genauso wie an vielen anderen geplanten Standorten weltweit. Niemand weiß, was in 100.000 Jahren sein wird, trotzdem wird der Problemmüll erst mal vergraben. Kritik an dem Standort kommt nicht nur von französischen Atomkraftgegnern, sondern auch von der Regierung des nahen Saarlandes. Die bezieht sich auf ein Gutachten des Öko-Instituts Darmstadt, das im Gegensatz zur Andra an der Eignung des Tonbodens als Endlagerstätte zweifelt.

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Die Franzosen versprachen auch deshalb, den Atommüll hundert Jahre lang testweise einzulagern. Die Risiken, die der strahlende Abfall mit sich bringt, sind Gold wert: Die Départements Haute-Marne und Meuse, an deren Grenze Bure liegt, bekommen seit 1999 pro Jahr dreißig Millionen Euro für die „wirtschaftliche Entwicklung“, dazu Subventionen für Gas, Wasser und Strom. Die Kommunen in einem Radius von zehn Kilometern um Bure bekommen zusätzlich jährlich 500 Euro pro Einwohner. Geld, das vornehmlich in die Infrastruktur fließt. Bure hat eine neue Mehrzweckhalle, neue Straßenlaternen, Kreisverkehre, Trottoirs und das Drei-Sterne-Hotel von Michel Maltrud mit 14 Zimmern, das 500.000 Euro gekostet hat und mitten in der verlassensten Region Frankreichs über einem zukünftigen Atommüllendlager steht. Trotz der jahrelangen Geldflut finden sich Meuse und Haute-Marne beim Pro-Kopf-Einkommen allerdings noch immer im unteren Drittel der französischen Départments, dafür im oberen, was private Schulden und Landflucht angeht.

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Die Atombehörde versprach, das umzudrehen. Neben dem Geld stellte sie auch lukrative Jobs in Aussicht. Das führte dazu, dass die große Mehrheit der Bürger in einer Umfrage von Andra zu Beginn des Projektes für das Endlager stimmte. „Aus einem Gefühl der öffentlichen Verantwortung heraus“, sagt Mathieu Saint-Louis, ein Sprecher von Andra, fügt aber hinzu: „Und weil es finanzielle Entschädigungen gegeben hat.“ Einer der wenigen, die von Anfang an gegen das Endlager waren, ist Claude Kaiser. Er sitzt in seinem spärlich eingerichteten Büro in Nancy, eine Autostunde von Bure entfernt, und schenkt sich alle paar Minuten Kaffee aus der Thermoskanne nach. Kaiser ist Mitte fünfzig, hat aber die Energie eines Mittzwanzigers und spricht wie ein Theaterschauspieler: laut, gestikulierend. Er hat das gelernt als Bürgermeister eines 174-Einwohner-Dorfes nahe Bure. „Die Meusianer haben sich schon bei der Schlacht von Verdun geopfert“, sagt er. „Und jetzt tun sie es wieder.“ Kaiser organisierte schon Anfang des Jahrtausends friedliche Proteste in Meuse und Haute-Marne, was sich schwierig gestaltete in dieser abgelegenen Region mit vier Einwohnern pro Quadratkilometer. Zumal die Anrainer von der Endlageridee zunächst begeistert waren. Bald schon hörte der Geheimdienst Kaisers Telefon ab, wie später vor Gericht bestätigt wurde. „Wer ein ruhiges Leben will“, sagt er, „sollte kein Gegner des Endlagers sein.“ Kaiser ließ sich nicht beirren und sprach mit Kollegen in Paris. Sie sagten ihm, er brauche mindestens zehntausend Leute auf der Straße.

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„Unmöglich in dieser dünn besiedelten Region“, sagt Kaiser. „Deshalb wurde Bure ausgewählt.“ Jene Politiker, die schon zu Beginn gegen das Endlager waren, wurden nach und nach abgewählt. Heute seien alle Bürgermeister der Region auf Linie mit der Atombehörde. „Ich fühle eine tiefe Erniedrigung angesichts dessen, was den Menschen hier angetan wurde“, sagt Kaiser. Seine gescheiterten Versuche, Proteste zu organisieren, endeten in Resignation. Bis Etienne Ambroselli auftauchte, ein berühmter französischer Anti-Atom-Anwalt, aufgewachsen im reichen Westen von Paris. Er arbeitete lange Zeit am Berufungsgericht in Paris, oft an Fällen zivilen Ungehorsams, und vertrat mehrmals die Menschen aus dem „Haus des Widerstands“. Vor zwei Jahren begann Ambroselli, junge Aktivisten aus Frankreich, Belgien und Deutschland einzuladen. Er mietete Häuser in der Umgebung, meldete Dutzende Bewohner an, einige ließen sich als Kandidaten für die Gemeinderatswahl aufstellen. In Mandres-en-Barois, Bures Nachbarort, sind 33 der achtzig gemeldeten Bürger Aktivisten.

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„Einige der jungen Leute begannen, etwas aggressivere Methoden zu nutzen“, sagt Kaiser. „Ich mache ihnen keinen Vorwurf, denn sie haben, wie man das hier so sagt, die Mayonnaise zum Kochen gebracht.“ So besetzten sie ein Waldstück auf dem Bauland, brachen in mehrere Gebäude von Andra ein und legten mutmaßlich auch das Feuer im Hotel von Michel Maltrud. Mit jeder neuen Provokation kamen mehr Medien, mehr Aktivisten. Jahrelang war das Symbol des französischen Protests ein geplanter Provinzflughafen im westfranzösischen Dorf Notre-Dame-des-Landes, Zehntausende Menschen protestierten dort. Im Januar 2018, einen Tag, nachdem Präsident Macron entschied, das Flugplatzprojekt sei gestrichen, tauchten Hunderte Aktivisten in Bure auf, um dort weiterzuprotestieren. Bei Demonstrationen oder nach Vandalismusaktionen kommen jetzt bis zu 600 Polizisten aus ganz Frankreich nach Bure, sieben pro Einwohner. Der Ablauf ist immer gleich: Aktivisten protestieren, Polizisten zeigen Stärke.

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Alle paar Wochen eskaliert es, dann kommen wieder die Helikopter, es werden Steine geworfen und Eimer mit Urin aus den Fenstern des „Hauses des Widerstands“ geschüttet. Dann rücken neue Hundertschaften an. Und die Bewohner schließen sich in den Häusern ein. „Wir sind enttäuscht“, sagt eine Frau, die aus dem Fenster eines Hauses hervorlugt. „Uns wurden Geld und Jobs versprochen.“ Andra verweise immer auf die Bauarbeiten, da würden doch Tausende neue Bewohner kommen. „Unsinn“, ruft sie. „Da kommen Containerdörfer hin, mit Tausenden Arbeitern aus ganz Europa, die Mindestlohn verdienen, das Geld nach Hause schicken und am Wochenende irgendwo hinfahren, wo es nicht so leer ist wie hier.“ Die Frau stützt sich nun auf das Fensterbrett, spricht, als riefe sie von einem Balkon in eine Menge. „Wenn das Projekt hier wirklich stattfindet, gibt es für die Menschen nur noch eines: Weg aus Bure.“

Weitere Geschichten über Konzepte von Krieg, Versöhnung und Frieden können Sie in der aktuellen Ausgabe des Greenpeace Magazins 1.19 „Frieden!“ lesen. Unser Schwerpunkt thematisiert unter anderem, wie friedliches Zusammenleben möglich ist.