Guten Abend,

„Besuchen Sie Europa, solange es noch steht!“, lautete der Titel eines Liedes, mit dem eine Band namens Geier Sturzflug 1983 Furore machte. Die erste Zeile lautete: „Wenn im Canale Grande U-Boote vor Anker gehn“ – für den Weltfrieden schien es nicht gut auszusehen, allenthalben gab es Demos gegen Aufrüstung und Atomraketen. Bombenstimmung in Washington und Moskau.

Der Kalte Krieg wurde dann Anfang der Neunzigerjahre vorerst auf Eis gelegt. Zwar müht sich Donald Trump redlich, ihn wiederzubeleben, und immer öfter weht ein frostiger Hauch durch die Weltpolitik, aber noch gehen in Venedigs Canale Grande keine U-Boote vor Anker. Stattdessen wird die Lagunenstadt heute von Kreuzfahrtschiffen heimgesucht, vor ein paar Tagen erst rauschte so ein Monstrum ungebremst in eine Anlegestelle und rammte ein kleines Touristenboot. Vier Menschen wurden verletzt, wie durch ein Wunder blieb eine große Katastrophe aus.  

Um die Welt zu demolieren, brauchen wir auch gar keine Waffen. Längst hat die Hitze des Klimawandels in diesem Punkt mit der Kälte des Wettrüstens mindestens gleichgezogen. Neben weltweiten Protesten löst er aber auch eine Art paradoxen Last-Minute-Reisereflex aus: Schnell noch in Lagunen- und Küstenorte, auf Inseln und Atolle, zu Korallenriffen und Gletschern, bevor sie im Meer versinken, absterben oder wegschmelzen. Fast zwei Drittel aller Deutschen sind letztes Jahr auf Reisen gegangen, so viele wie nie zuvor. Von denen blieb wiederum ein Drittel im Inland, den Rest zog es in die mehr oder weniger weite Ferne.

Der weltweite Kreuzfahrtboom jedenfalls ist, Unfälle hin, Unfälle her, offenbar nicht zu stoppen. Die Umweltorganisation „Rettet den Regenwald“ schlägt Alarm: Die Regierung der Cayman-Inseln, die nicht nur ein Steuer-, sondern auch ein Tauchparadies sind, plant den Bau einer Landungsbrücke für Kreuzfahrtschiffe mitten in den Korallenriffen, weil sie die begründete Befürchtung hegt, dass die Reedereien sie andernfalls links liegenlassen.

Der Tauchlehrerverband PADI wiederum lockt mit 25 Prozent Rabatt für einen Urlaub auf Hawaii mit „lebendigen Riffen und unfassbar vielen Meeresbewohnern“ und beschwört in blumigen Worten den Umweltschutz. Quizfrage eins: Wie gelangen deutsche Tauchfans nach Hawaii? Falls sie nicht zufällig gerade eine Weltumseglung planen, vermutlich mit dem Flugzeug. Für Quizfrage zwei braucht niemand einen Telefonjoker: Welches Verkehrsmittel ist das klimaschädlichste von allen? Genau.

Es kursieren Listen, welche von Klimawandel und Artensterben bedrohten Naturparadiese man vor deren Verschwinden unbedingt noch schnell besuchen müsse: die Dünenlandschaft White Sands in der Chihuahua-Wüste, die Weinberge von Bordeaux, die Galápagos-Inseln, das Tote Meer, die Malediven, das Great-Barrier-Reef… Die Washington Post empfiehlt ihrer Leserschaft, die Küstenstädte St. Augustine in Florida oder Bar Harbor in Maine zu besuchen, den für seinen Hummer berühmten Bundesstaat. Das Schalentier ist im Begriff auszuwandern, ihm wird das Wasser zu warm. Auch den Glacier National Park in Montana gelte es zügig aufzusuchen, bevor die letzten 26 von 150 Gletschern, die es dort vor gut hundert Jahren noch gab, weggeschmolzen sind.

So vieles wäre noch zu bereisen! Die Seychellen, Kiribati, Tuvalu, Palau, Mikronesien – wenn Sie da schon immer mal hinwollten, müssen Sie sich beeilen, auch für die Gletscher in den Alpen, im Himalaya, auf Grönland oder Island tickt die Uhr. Sie wollen lieber an die Nordsee? Gute Idee, das Ökosystem Watt macht es auch nicht mehr lange. Und Sie können sogar mit dem Zug hinfahren! 

Ich möchte meinen Werbefeldzug abschließend um einen intergalaktischen Appell erweitern. Liebe Außerirdische, lassen Sie sich die Gelegenheit nicht entgehen und reisen Sie zum Planeten Terra, bevor die Einheimischen ihren eigenen Lebensraum unwiderruflich zerstört haben. Besuchen Sie die Erde, solange sie sich dreht! Aber beachten Sie bitte auch unsere aktuelle Reisewarnung: Mit Gegenbesuchen der überaus mobilen Erdlinge ist zu rechnen.

Last Minute noch schnell ans Ende der Welt // Unsere Leseempfehlungen zum Wochenende

Kerstin Eitner
Redakteurin

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