Artenvielfalt29.Apr 2019

Ein Massensterben wie bei den Dinosauriern – nur menschengemacht

Ein Massensterben wie bei den Dinosauriern – nur menschengemacht

Heute startet die siebte Vollversammlung des Weltbiodiversitätsrats in Paris. Der Höhepunkt wird die Verabschiedung des bisher größten Reports zur Artenvielfalt weltweit sein. Doch darin wird wenig stehen, worauf wir uns freuen können.

„Silent killer“ nennt Cristiana Paşca Palmer den Verlust von Biodiversität. Wenn wir innerhalb der nächsten zwei Jahre keinen anderen Umgang mit der Natur finden, dann könnte der Mensch die erste Spezies sein, die ihre eigene Ausrottung dokumentiert, warnte die Exekutivsekretärin der UN-Biodiversitätskonvention. Das war im November. Ab heute treffen in Paris die 132 Mitgliedsstaaten des Weltbiodiversitätsrats IBPES zusammen, um Lösungen zu finden, das Artensterben aufzuhalten.

Höhepunkt wird die Veröffentlichung des umfassendsten Artenvielfaltsberichts sein, der jemals ausgearbeitet wurde: 150 Experten aus fünfzig Ländern analysierten in den vergangenen drei Jahr mehr als 15.000 Quellen und befragten 250 Fachleute. Im Pariser Unesco Hauptquartier soll der Mammutbericht am 6. Mai der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Es wird kein schönes Bild sein, das die Experten in diesem Bericht von unserer Welt zeichnen. Die Zerstörung von Lebensräumen, Umweltverschmutzung und die Verbreitung von invasiven Arten wird in den kommenden Jahren zu- und nicht abnehmen. Antreiber dafür werden der Klimawandel und die wachsende Weltbevölkerung sein. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass noch mehr Menschen noch mehr intensive Landwirtschaft betreiben, noch mehr fischen, noch mehr wildern und noch mehr ausbeuten werden. Bis 2050 wird Afrika höchstwahrscheinlich die Hälfte seiner Säugetiere und Vögel verloren haben, die asiatischen Fischgründe werden zum selben Zeitpunkt kollabiert sein. Die Welt wird immer weniger in der Lage sein, sich von solchen Einschnitten zu erholen – weniger Insekten etwa werden weniger Pflanzen bestäuben, die dann weniger CO2 speichern können. Gestiegen sein hingegen wird dann die globale Temperatur und ihr Einfluss: Bis 2050 entwickelt sich die Klimaerwärmung als Hauptursache für das weltweite Artensterben. Ein Teufelskreis.

Dass all das bis zur Selbstausrottung führen könnte, damit übertrieb Cristiana Paşca Palmer keinesfalls: Seit die Menschen die Welt plündern, ist so viel Leben von ihr gewichen wie seit dem Aussterben der Dinosaurier nicht mehr. Der Verlust der Saurier gilt als fünftes Massensterben der Weltgeschichte. Das sechste Massensterben und damit der Untergang der Menschheit sei „nahezu gewiss“, sagt der Biologe Paul Ehrlich von der amerikanischen Stanford University voraus. Es wäre das erste Massensterben, das von Lebewesen ausgelöst wurde. In einer 2017 veröffentlichen Studie stellten Ehrlich und weitere Kollegen den Verlust von Milliarden Pflanzen- und Tierpopulationen fest. Das sei ein „erschreckender Angriff auf die Grundlagen der menschlichen Zivilisation“.

Der IBPES-Report wird bilanzieren, wie die Menschheit bisher mit dieser Herausforderung umgegangen ist. So hatten sich etwa die 196 Vertragsstaaten der Biodiversitätskonvention (die einzig von den USA und vom Vatikan nie ratifiziert wurde) vor acht Jahren auf die sogenannten Achi-Ziele geeinigt: Bis 2020 wollten sie den Verlust der Lebensräume um die Hälfte reduzieren, Überfischung stoppen und Schutzgebiete an Land um 17 Prozent und unter Wasser um zehn Prozent erweitern. Auch hier ist das Ergebnis schon klar: Sie werden die Ziele nicht erreichen.

Der Report will deswegen auch Lösungen und mögliche Maßnahmen aufzeigen, dem Verlust der Biodiversität zu begegnen. Dafür berücksichtigten die Wissenschaftler erstmals auch das Wissen indigener und lokaler Gemeinden. „Strategien, Anstrengungen und Aktionen – auf allen Ebenen – werden nur dann erfolgreich sein, wenn sie auf dem besten Wissen und den besten Erkenntnissen basieren“, sagt Sir Robert Watson, Vorsitzender des IBPES. Diese Basis werde der Report liefern. Schon letztes Jahr hatte der Regionalbericht zu Europa und Zentralasien deutlich gemacht, dass Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch voneinander entkoppelt werden müssen, um den Verlust der Arten Einhalt zu gebieten. Dazu braucht es tiefgreifende Veränderungen – vor allem aber erst einmal das nötige Problembewusstsein.

Der Weltbiodiversitätsrat mit Hauptsitz in Bonn kämpft seit seiner Gründung 2012 um eine Aufmerksamkeit, wie sie dem vergleichbaren Weltklimarat zuteil wird. Während es das Klima mittlerweile in das öffentliche Bewusstsein geschafft hat, sterben täglich dutzende Arten unbemerkt von der Öffentlichkeit aus. Einige Experten hoffen für die nächsten Tage nun auf einen historischen „1,5-Grad-Moment“, wie es auch dem Weltklimarat gelang – ebenfalls in Paris.

Svenja Beller

Aufmacherbild: Ein Sumatra-Nashorn ruht auf einer Lichtung im indonesischen Regenwald. Seine Population ist fast ausgerottet. Fotocredit: picture alliance/WILDLIFE

Drucken
Neues Essen – 4.19
Das hat Sie interessiert?Dann sollten Sie erst mal unser Magazin sehen!
Das Greenpeace Magazin gibt es nicht nur im Netz, sondern auch gedruckt und auf dem Tablet für  iOS und  Android. Es erscheint alle zwei Monate und widmet sich den Nachrichten, die wirklich zählen: Das Thema heißt Zukunft und gesucht wird nach neuen Lösungen, kreativen Auswegen und positiven Signalen. Jetzt neu am Kiosk, im App Store und im Abo.

Wöchentlichen Newsletter bestellen?

Hier klicken! Jede Woche der ganz besondere Blick auf aktuelle Umweltereignisse – direkt ins Postfach