Luftverschmutzung28.Aug 2019

Warum die Luft immer dreckiger wird und wie wir uns besser schützen können

Warum die Luft immer dreckiger wird und wie wir uns besser schützen können

Eine neue Studie zeigt, dass die Gefahren von Feinstaub durch den Klimawandel wachsen. Das Umweltbundesamt will die Luftqualität nun mithilfe einer App sichtbar machen – und ein Umdenken anstoßen.

Zehn Millarden Euro – so teuer waren die Schäden, die durch verkehrsbedingte Luftschadstoffe im Jahr 2017 entstanden sind. Schäden an der Gesundheit der Menschen, an der Ernte der Landwirte, an Gebäuden und an der Artenvielfalt. "Der Verkehr bürdet der Allgemeinheit in Deutschland immer höhere Lasten auf", sagte Dirk Flege, Geschäftsführer von Allianz pro Schiene, am Montag gegenüber tagesschau.de. Sein Verkehrsbündnis hatte eine Studie in Auftrag gegeben, die die externen Umwelt-, Unfall- und Gesundheitseffekte des Verkehrs in Deutschland ermitteln sollte – also Kosten, die indirekt durch Unfälle, Strom- oder Fahrzeugherstellung, Klimabelastung und Lärm entstehen. Die Luftverschmutzung – so das Ergebnis – war im Jahr 2017 für zehn Milliarden der insgesamt 146 Milliarden Euro teuren Schäden verantwortlich.  

Eine enorme Summe, die in Zukunft wohl noch durch den Klimawandel steigen könnte. Denn welche Gefahren für die Gesundheit durch Abgase künftig entstehen, zeigte ein internationales Forscherteam kürzlich in der Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences“ am Beispiel China. Dort sterben nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation derzeit mehr als eine Million Menschen pro Jahr vorzeitig, weil sie verschmutzte Luft einatmen. Die Studie legt nun nahe, dass sich die Luftqualität für mehr als 85 Prozent der chinesischen Bevölkerung in Zukunft durch den Klimawandel noch weiter verschlechtern könnte. Grundlage für die Hochrechnungen ist eine Kombination aus Klima- und Luftqualitätsmodellen und die Annahme, dass bis 2050 der Temperaturanstieg auf etwa 1,4 Grad Celsius gehalten wird. Die Schlussfolgerung der Forscher ist verheerend: Jedes Jahr könnten ab der Mitte des Jahrhunderts bis zu 20.000 weitere Todesfälle hinzukommen. Liegt der Temperaturanstieg höher, was im Augenblick als realistischeres Szenario gilt, würde sich diese Zahl drastisch erhöhen.

Städte werden zu tödlichen Fallen

Die Ursache der Luftverschmutzung sind hauptsächlich emissionsintensive Industrieanlagen und der Verkehr. Die Forscher errechneten nun, dass stagnierende Wetterlagen und zunehmende Hitzewellen, die mit dem Klimawandel in vielen Teilen der Welt zunehmen werden, die Luft noch weiter verschlechtern. Die Hitzewellen steigern die Ozon-Konzentration in der Luft und ohne Windbewegung oder bei sogenannten Inversionswetterlagen (eine Warmluftschicht hält die darunterliegende Kaltluftschicht über längere Zeit am Boden) sind die Menschen wochenlang der verschmutzten Luft ausgesetzt. Sie  atmen höhere Konzentrationen von Feinstaub und Ozon ein, was Schäden in Lunge und Gehirn anrichtet. Besonders die Städte werden so zu tödlichen Fallen für ihre Bewohner.

„Es ist ein bisschen wie im 19.  Jahrhundert mit dem Londoner Smog“, sagte Hans Joachim Schellnhuber, ehemaliger Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und Mitautor der Studie gegenüber dem Portal Inside Climate News. Die britische Hauptstadt war seit dem Beginn der Industrialisierung für seine schlechte Luft bekannt, von 1873 an gab es in London immer wieder extreme Smog-Ereignisse, die die Einwohner „Tage der giftigen Dunkelheit“ nannten. Die verheerendste Smog-Katastrophe ereignete sich aber im Jahr 1952, als der Himmel sich wegen der Verschmutzung verdunkelte und bis zu 4000 Menschen starben, viele andere erlitten Atemwegsprobleme.

Ranping Song vom World Resources Institute sieht daher akuten Handlungsbedarf: „Wir wissen nun, dass die Verbesserung der Luftqualität ohne den Kampf gegen den Klimawandel sehr herausfordernd oder womöglich vergeblich sein wird. Die beiden Krisen gehen Hand in Hand." Auch in Europa müsse man die Auswirkungen der Luftverschmutzung und des Klimawandel zusammen denken, so die Autoren der Studie – und Gegenmaßnahmen auf den Weg bringen.

Es mangelt an seriösen Informationen

Und gerade da hakt es. Die Eindämmung der Luftverschmutzung rührt an lieb gewonnenen Fahrgewohnheiten und an sogenannten systemrelevanten Industrien. In Stuttgart, einer der am meisten von Luftverschmutzung betroffenen Städte in Deutschland, wird bis heute um einen Luftreinhalteplan gerungen. Eigentlich ist das Land Baden-Württemberg durch ein Gerichtsurteil des Verwaltungsgerichtes Stuttgart schon seit einem Jahr dazu verpflichtet, Fahrverbote für Diesel-Pkw einschließlich der Euro-Abgasnorm 5 auszusprechen. Bislang hatte die grüne Landesregierung jedoch stets darauf verwiesen, dass sich die Luft durch bereits erlassene Maßnahmen schon verbessere. Die Deutsche Umwelthilfe, die die Urteile erkämpft hatte, besteht auf die Umsetzung des Gerichtsurteils und beantragte darum Anfang August unter anderem gegenüber den grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann Beugehaft für bis zu sechs Monate. Auch in Bayern hat die Deutsche Umwelthilfe diesen drastischen Schritt gewählt, ihre Klage auf mögliche Zwangshaft gegen bayerische Landespolitiker wegen Missachtung von Gerichtsurteilen wird der Europäische Gerichtshof kommenden Dienstag verhandeln.

In Stuttgart könnte der Antrag auf Beugehaft möglicherweise hinfällig sein, letzte Woche veröffentlichte die Landesregierung eine aktualisierte Version des Luftreinhalteplans: Neben Tempo 40 in der Innenstadt, einem Ausbau des Parkraummanagements und weiterer Filtermaßnahmen sollen nun auf vier Strecken auch Diesel-Fahrverbote für Euro-5-Pkws umgesetzt werden.

Doch die Probleme sind damit längst nicht ausgeräumt – auch, weil das Bewusstsein dafür oft fehlt. Verschmutzungen wie Feinstaub oder Ozon kann man meist weder sehen noch riechen. Laut Umweltbundesamt (UBA) mangele es vielfach an seriöser Information und Berichterstattung über die Luftqualität – und die Debatte, etwa über Grenzwerte, werde oft nicht faktenbasiert geführt.

Das zu ändern hat sich die Umweltbehörde auf die Fahnen geschrieben: Sie wollen falsche oder unvollständige Informationen zum Thema Luftverschmutzung ausräumen. Letzte Woche veröffentlichte das UBA deshalb sein überarbeitetes Luftdatenportal und eine frei verfügbare App, die verlässliche und aktuelle Informationen zur Luftqualität liefern soll. Die App stellt stündlich aktualisierte Daten für die gesundheitsgefährdenden Schadstoffe Feinstaub, Stickstoffdioxid und Ozon zur Verfügung. Die Daten dafür stammen von über 400 Luftmessstationen aus ganz Deutschland. Ein Luftqualitätsindex ordnet auf Basis dieses Daten die Situation am Standort des Nutzers von „sehr gut“ bis „sehr schlecht“ in fünf Klassen ein. Je nach Wert gibt die App dann Gesundheitstipps, rät etwa bei hohen Werten von Aktivitäten im Freien ab. Auf der Webseite kann man sich darüber hinaus auch deutschlandweite Konzentrationskarten der Abgase anzeigen lassen und zusätzlich eine Ozonvorhersage für die kommenden zwei Tage abrufen.

Japans Regenschirm-Problem

Eine neue App will Luftverschmutzung sichtbar machen und die politische Debatte um saubere Luft anfachen. Foto: Susanne Kambor / Umweltbundesamt

In Indien, dem Land mit der höchsten Luftverschmutzung weltweit (unter den zehn Städten mit der schlimmsten Luftverschmutzung sind  acht indische Städte), wo im Winter in den Straßen der Hauptstadt Delhi jeder Atemzug schmerzt und die Augen tränen, gibt es ähnliche Apps schon lange. Ihre Warnhinweise lassen sich dort viele Einwohner direkt auf dem Handy anzeigen: Bei einfacher Verschmutzung erscheint eine Figur ohne Mundschutz auf dem Display, bei stärkerer Belastung eine mit einfachem Luftfilter und bei starkem Smog trägt die Figur eine Gasmaske – als Warnung, sich nicht im Freien aufzuhalten.

Auf dem Subkontinent wird das Problem der Luftverschmutzung kontrovers in der Öffentlichkeit diskutiert, in Deutschland ist die neue App des Umweltbundesamtes nur ein erster Schritt – zu mehr Transparenz und womöglich zu einer dringend benötigten Debatte.

Julia Lauter

Aufmacherbild: Indiens Städte führen seit Jahren weltweit die Liste der am stärksten luftverschmutzten Städte der Welt an. In Kalkutta, wo dieses Bild am 6. März 2019 entstand, ist das Problem nicht zu übersehen. Foto: picture alliance/Xinhua

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Klimaanpassung – 5.19
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