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Wilderei12.Okt 2018

Wie lassen sich Wildtiere besser schützen?

Wie lassen sich Wildtiere besser schützen?

Zu Fuß in der Wildnis, ohne Handy-Empfang, der ständigen Gefahr ausgesetzt, von Wilderern angegriffen zu werden – so sieht der Alltag für Ranger in Asien und Afrika aus. Sie setzen sich mit ihrem eigenen Leben für den Schutz wilder Tiere ein. Auf einer Konferenz in London werden politischen Strategien erarbeitet, um Ranger und Tiere besser zu schützen.

Es breche ihm das Herz, sagte niemand Geringeres als Prinz William am Donnerstag zur Eröffnung der Konferenz gegen illegalen Handel mit Wildtieren in London, es breche im das Herz, sich vorzustellen, dass Elefanten, Nashörner und Tiger ausgestorben sein könnten, wenn seine Kinder erwachsen sind. Doch es könnte so kommen: Obwohl zum Beispiel die Jagd auf Elefanten in Afrika seit 2012 stetig eingedämmt wurde, sind die Zahlen noch immer erschreckend: etwa jede halbe Stunde wird ein Elefant getötet. Erst vor wenigen Wochen ereignete sich eines der schlimmsten Massaker der vergangenen Jahre. 87 getötete Elefanten, denen die Stoßzähne abgenommen waren, entdeckten Wildschützer bei einer Zählung im Norden Botswanas – einer Region, die eigentlich als sicher galt.

Um so etwas zu verhindern, treffen sich diese Woche Regierungsvertreter aus über achtzig Ländern in London. Ziel ist es, gemeinsam politische Strategien zum Schutz der Wildtiere zu erarbeiten. Aus Deutschland reisten Vertreter von drei verschiedenen Ministerien an. Eine von ihnen ist Christiane Paulus, Leiterin der Unterabteilung Naturschutz im Bundesumweltministerium: „Unser Hauptziel ist es, die breite Öffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen, dass Wildereibekämpfung nicht nur ein Naturschutzthema ist. Vielmehr geht es hierbei um organisierte Kriminalität.“

Der illegale Handel mit wilden Tieren und Pflanzen vereint viele Verbrechen – von Tierquälerei über Schmuggel bis hin zu Geldwäsche. Es ist ein lukratives internationales Geschäft: zehn bis zwanzig Milliarden US-Dollar werden nach Schätzungen von Interpol jährlich umgesetzt.

Mehr als Elefanten und Nashörner

Doch auf der Konferenz geht es nicht nur um die Flagschiffe der Wilderei: Elefanten, Nashörner und Tiger. Der Schwarzmarkt ist vielfältig. 7000 Tier- und Pflanzenarten umfasst der illegale Handel laut den Vereinten Nationen. Große Meeresschildkröten wie die Echte Karettschildkröte werden wegen ihres Panzers gejagt, der in Schmuck verarbeitet wird. In Südostasien sind Nashornvögel wie der Schildschnabel vom Aussterben bedroht. Ein Kilo ihres Horns, das sowohl zu Schmuck als auch zu einem Liebestrank weiterverarbeitet wird, ist mehr wert, als ein Kilo Elfenbein. Und auch mit lebendigen Tieren wird gehandelt. Reptilien, Vögel oder gar Säugetiere aus illegalem Handel werden als Haustiere gehalten – auch in Europa.

Christiane Paulus aus dem Umweltministerium ist positiv überrascht, wie selbstkritisch reiche europäische Länder wie England auf der Konferenz zugeben, dass es auch bei ihnen Wilderei gibt. „Auch Deutschland steht immer wieder wegen illegalen Reptilienhandels in der internationalen Kritik. Da müssen wir weiterkommen.“ Auf zahlreichen Messen kann man in Deutschland lebende Reptilien kaufen – oft ohne Fachwissen über die artgerechte Haltung vorweisen zu müssen. Zudem sind die Börsen häufig Anlass für vermehrten illegalen Handel abseits der Veranstaltung.

Wer sich daran beteiligt, macht sich strafbar. Der Verkauf eines Gelbwangen-Kakadus zum Beispiel, wird mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft. Die Kakadus und über 900 weitere Arten stehen im Anhang 1 der Artenschutzverordnung und damit unter strengem Schutz. International wird der Handel mit Wildtieren über die CITES geregelt – der Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora. Das Washingtoner Artenschutzübereinkommen, wie CITES auch genannt wird, wurde von 183 Ländern unterzeichnet. Doch bevor ein Gelbwangen-Kakadu in einem Käfig in Deutschland landet, legt er einen weiten Weg zurück. Die ersten Menschen, die sich weltweit dem kriminellen Netz der Wilderei entgegenstellen, sind Wildhüter.

Die Situation der Wildhüter muss verbessert werden

„Stellen Sie sich vor, Sie sind allein in einer abgelegenen Gegend, ihre Familie ist weit weg, es gibt hier keinen Handy-Empfang. Sie arbeiten achtzig Stunden die Woche für einen Tageslohn von neun US-Dollar. Und Sie können jede Minute auf bewaffnete Wilderer stoßen.” Rohit Singh ist Präsident der Ranger Federation of Asia, einem Verband von staatlichen Wildhütern in Asien. Singh weiß aus eigener Erfahrung, dass die Belastung für Wildhüter nicht nur eine physische ist, sondern auch eine mentale. Er hat in Parks in Indien, Kambodscha und Malaysia gearbeitet. Heute ist er beim WWF angestellt und trainiert Wildhüter in ganz Asien.

Auch Singh ist zur Konferenz nach London gereist. In einer Sitzung mit dem Titel „Stimmen von der Front” hat er den Konferenz-Teilnehmern von der Situation der Ranger erzählt. Die Begegnung mit bewaffneten und gewaltbereiten Wilderern ist weltweit ein reelles Risiko für Wildhüter. 107 bekannte Todesfälle gab es allein zwischen Juli 2017 und Juli 2018. Dennoch besteht der Mangel derjenigen, die täglich in den Wildparks aufpassen, in viel kleineren Dingen, die sich vergleichsweise einfach beschaffen lassen. Jeder vierte Ranger erkrankt innerhalb der ersten zwölf Monate seiner Arbeit an Malaria. Das ist eines der Ergebnisse einer groß angelegten Studie, die der WWF in Zusammenarbeit mit Rohit Singhs Verband durchgeführt hat. Die Studie fasst zusammen, was über 4.600 staatliche Wildhüter an 294 Standorten in siebzehn Ländern in Asien und Afrika zu ihren Arbeitsbedingungen erzählt haben. Um die Zahl der Malaria-Infektionen zu verringern, würde es schon maßgeblich helfen, Moskitonetze an alle Ranger in betroffenen Gebieten zu verteilen.

Rohit Singh forderte die Regierungen in seiner Rede auf der Konferenz auf, die Situation der Wildhüter zu verbessern. Ranger bräuchten eine breit angelegte Erstausbildung, Notfallpläne für medizinische Behandlungen sowie einen 100-prozentigen Versicherungsschutz im Bereich der Kranken- und Lebensversicherung.

Für Singh ist es ein Erfolg, wenn Regierungsvertreter ihn und sein Anliegen auf der Konferenz wahrnehmen. Heute Nachmittag werden die vertretenen Staaten eine gemeinsame Deklaration veröffentlichen – laut Singh sind solche Deklarationen der Schlüssel zur Veränderung. Für Christiane Paulus vom Umweltministerium ist die Deklaration wichtig, aber nicht das einzige Ergebnis der letzten zwei Tage: „Wir schließen uns der Deklaration, die am Ende der Konferenz veröffentlicht wird, gerne an. Mindestens ebenso wichtiger sind für uns jedoch die neuen Projektzusagen, die Aktivitäten neuer Sektoren wie Banken und Transportunternehmen und natürlich die Kontakte, die wir auf der Konferenz geschlossen haben.“

Text: Leonie Sontheimer

In unserer Ausgabe 5/18 „Wahrer Reichtum“ können Sie eine Geschichte über den Schutz und Erhalt exotischer und vom Aussterben bedrohter Tiere in Deutschland. In „Papageien am Limit“ geht es um einen Verein in Brandenburg, der um den Fortbestand brasilianischer Spix-Aras und karibischer Kaiseramazonen kämpft. Ein nicht unumstrittener Rettungsversuch. Die gesamte Ausgabe erhalten Sie im Warenhaus. Sie können das Greenpeace Magazin auch in unserer digitalen Version lesen: mit allen Inhalten der Print-Ausgabe, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Lesen!

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