Saison

Greenpeace Magazin - Saison: Populäre Pastinake

Populäre Pastinake

Manchen gilt sie als Wurzel aller Übelkeit, anderen als neuer Stern am Gastrohimmel. Den meisten aber ist sie schlicht egal. Das ist Lebensmittelverschwendung. Denn Pastinaca sativa kann so viel mehr als nur ein bisschen Babybrei
 

Inbegriff der Grässlichkeit mit 16 Buchstaben? In Entenhausen gibt es auf diese Frage nur eine Antwort. Nicht Morchelmarmelade heißt die Spezialität, mit der man unbescholtene Enten quälen kann. Der Name des Grauens ist selbstredend: Pastinakenpudding.

Es war 1955, als Dagobert Duck auf der Suche nach dem sagenumwobenen Goldenen Vlies irgendwo in der griechischen Mythologie in die Fänge hässlicher Harpyien geriet – Mischwesen, halb Greif, halb Frau. Den Zeichenstift führte noch Dagoberts Schöpfer Carl Barks höchstselbst. Und er ersann für seinen Helden folgende Gemeinheit: Eine der Vogelfrauen stellt dem Entenmann die Flucht in Aussicht, wenn er sie zur Siegerin eines Kochwettbewerbs kürt. Dummerweise setzt sie ihm ausgerechnet besagte Süßspeise vor. Und Dagobert, der nichts auf der Welt so verabscheut wie Pastinaken, muss „in den sauren Pudding beißen“.

Was immer Barks sich dabei dachte, dem Ruf der cremefarbenen Wurzel hat er eher nicht geholfen.

Einst war die Doldenblütlerin, wohl eine Verwandte von Karotte und Petersilie, in Europa ein Grundnahrungsmittel. Schon die Menschen der Steinzeit sammelten ihre Wildform. Die Römer kultivierten sie und Karl der Große ließ sie auf seinen Gütern anbauen. Sie gedieh im Garten von Versailles ebenso wie im französischen Revolutionskalender, wo ein Tag nach ihr benannt war. Sie war die, auf die sich alle einigen konnten, Monarchen wie Republikaner, Reich wie Arm. Pastinaca sativa gehörte in jeden Eintopf.

Schon ihr Name verweist darauf, kommt er doch wahrscheinlich vom lateinischen Wort pastus – Nahrung. In der Tat enthält die Pastinake viel Stärke, Kalium und Vitamin C. Und als lieblichstes aller Wurzelgemüse versüßte sie den Menschen lange vor Zuckerrohr und Zuckerrübe das Leben – wundersamerweise dann, wenn sonst kaum etwas wuchs, denn ihr volles Aroma entfaltet sie nach dem ersten Frost. Die Franzosen nannten sie liebevoll auch carotte d'hiver, Wintermöhre.

Doch mit der Zeit verlor sie an Boden. Als Hauptquelle von Stärke übernahm im 18. Jahrhundert die neumodische Kartoffel das Feld, ein Importgemüse. Bald galt die Pastinake als rückständige Rübe für Schweine und geriet in Vergessenheit. Vor wenigen Jahren erst gruben Biobauern die robuste Wurzel wieder aus. Sterneköche griffen zu und verschafften ihr Auftritte in der Gastronomie. Gut so.

Es ist ein Unding, dass dieses alte Gemüse an die Jüngsten verfüttert, aber von Erwachsenen kaum gegessen wird. Die Pastinake kann so viel mehr als das bisschen Babybrei – nämlich alles, was Kartoffeln können. Und sie hat einfach mehr Geschmack. Ihr Aroma zwischen Karotte und Sellerie glänzt zum Beispiel in Püree mit Muskat. Ihre erdige Süße brilliert in Chips mit feinen Salzkristallen oder Gratin mit Parmesan. Und langsam geschmort rundet sie scharfe Currys ab.

Zur Wahrheit gehört, dass Pastinakenpudding, ein britisches Dessert mit Cognacsoße, nicht jedes Erpels Sache ist. Aber wer käme auf die Idee, der Karotte die Rüblitorte vorzuwerfen? Na also. Und alle, die in der Pastinake jetzt doch keine heiße Winterliebe gefunden haben, können es mit Samuel Beckett halten, der einst schrieb: „Ich mag die Pastinaken, weil sie nach Veilchen schmecken, und die Veilchen, weil sie nach Pastinaken duften.“
 

Wintermöhren aus dem Ofen
Für 4 Personen:
400 g Pastinaken, 400 g Möhren, 4 EL Olivenöl,1 EL Honig,1 EL fein gehackte Rosmarinnadeln, 100 g Cashewkerne oder Mandeln, Salz, Pfeffer, Saft einer halben Zitrone, 1 kleines Bund gehackter Petersilie
Zubereitung:
Rüben waschen und der Länge nach vierteln. Öl und Honig verrühren, mit Salz und Pfeffer abschmecken, Rosmarin hinzufügen. Über das Gemüse geben und gut vermischen. Auf einem Backblech verteilen und bei 200 Grad im Ofen garen. Nach 20 Minuten die grob gehackten Kerne dazugeben. Nach 25 Minuten aus dem Ofen nehmen, einige Spritzer Zitronensaft drüberträufeln, mit Petersilie bestreuen und sofort servieren. Dazu passt ein Kräuterdip.