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Schnabelschau

Greenpeace Magazin Ausgabe 6.18

Schnabelschau

Text: Svenja Beller Foto: Herman T. Bohlman, William L. Finley und Irene Finley

Vor hundert Jahren schoss man Fotos nicht aus der Hüfte. Wer den Augenblick festhalten wollte, musste schweres Gerät transportieren, es bedienen können und viel Geld für Belichtungsplatten und Entwicklung ausgeben. William Lovell Finley schreckte all das nicht ab. Er schleppte seine Großformatkamera Anfang des 20. Jahrhunderts auf Wiesen, Felsen und Bäume, um damit Vögel zu fotografieren – und wurde zu einem ihrer größten Beschützer

Washington D.C., 1905: Theodore Roosevelt hatte gerade das Ende des Krieges zwischen Russland und Japan vermittelt und dafür als erster Amerikaner überhaupt den Friedensnobelpreis erhalten. Noch im selben Jahr intervenierte er in der Marokkokrise und verließ als erster amtierender Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika sein Land, um den von ihm verantworteten Bau des Panamakanals zu besuchen. Was sollten ihn da drei mittelgroße Felsen vor der Küste von Oregon interessieren?

Es waren die Fotos von zwei jungen Männern, William Lovell Finley und Herman Bohlman, die ihn schließlich dazu brachten, die insgesamt 60.000 Quadratmeter große Fläche im Jahr 1907 als Naturschutzgebiet „Three Arch Rocks“ zu deklarieren. Ihre Bilder gewährten so tiefe Einblicke in das Leben der Tiere wie nie zuvor: Sie zeigten großschnabelige Gelbschopflunde, schwarze Pinselscharben, weißbauchige Trottellummen, träge Stellersche Seelöwen – und Menschen, die sie jagten. Finley und Bohlman hatten seit 1901 ihre sperrige Großformatkamera zu der Felsformation gerudert, sie über die steilen Klippen gewuchtet, sich stundenlang auf die Lauer gelegt, pro Bild eine Glasplatte in die Kamera eingelegt und belichtet. Das Naturschutzgebiet, das sie Theodore Roosevelt mit ihrer Dokumentation abrangen, war das erste westlich des Mississippi.

Schon als kleiner Junge hatte William Finley Federn und Eier gesammelt, im Alter von 18 Jahren gründete er mit Bohlman und anderen Freunden die North-Western Ornithological Association. Zum Studieren ging er nach Kalifornien, kam aber in den Semesterferien stets zurück, um sie mit Bohlman und seiner Kamera in der Natur des nördlichen Nachbarstaates Oregon zu verbringen. Es war die Zeit, als die weltweite Tierschutzbewegung erwachte. In Deutschland gründete sich 1899 der Nabu – noch unter dem Namen „Bund für Vogelschutz“. Während Finley den feinen amerikanischen Damen erzürnt die Paradiesvogelfedern aus den Hüten zog, fuhren auch die deutschen Vogelschützer eine Kampagne gegen den Modetrend.

Herman Bohlman begann schließlich wie sein Vater eine Laufbahn als Klempner, Finley dagegen blieb auch nach dem Studium den Vögeln treu. Er fotografierte, filmte, beschrieb, erforschte und verteidigte sie unermüdlich. Anstelle seines Kindheitsfreundes begleitete ihn dann seine College-Liebe und baldige Ehefrau Irene. Auch als er für einige Jahre als staatlicher Wildhüter arbeitete und sie zwei Kinder gebar, widmeten die Finleys ihr Schaffen weiterhin mit zahlreichen Naturfilmen, Büchern und Fachartikeln der Dokumentation und dem Schutz der Vögel. Sie erreichten die Gründung von zwei weiteren Nationalparks, ein vierter wurde nach Finley benannt.

„Oregons Vögel hätten kaum bessere Freunde haben können als William Lovell Finley“, schreibt die Oregon Historical Society auf ihrer Website. 2017 begann die Organisation gemeinsam mit der Oregon State University die mehr als 6800 Bilder, die Finley und seine Begleiter in der amerikanischen Wildnis schossen, zu sichten und zu organisieren. Sie hoben damit einen künstlerischen Schatz.