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Bestes für Bello

Welches Fleisch sollte ins Tierfutter? Das fragen wir im aktuellen Heft und haben uns angesehen, was bei Hund, Katze & Co. auf dem Teller landet

Hundeschokolade: Für den menschlichen Genuss nicht bestimmt, aber optisch zum Anbeißen!
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Bestes für Bello

Welches Fleisch sollte ins Tierfutter? Das fragen wir im aktuellen Heft und haben uns angesehen, was bei Hund, Katze & Co. auf dem Teller landet

Text: Bastian Henrichs

Fotos: Heidi und Hans-Jürgen Koch

Hundeschokolade: Für den menschlichen Genuss nicht bestimmt, aber optisch zum Anbeißen!
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Filets statt Schlachtabfälle: Haustiere fressen oft das gleiche hochwertige Fleisch wie Menschen. Die Folge ist mehr Massentierhaltung. In der Ausgabe des Greenpeace Magazins 2.19 über Tierrechte sind wir dem nachgegangen.

Gringo bekommt jeden Morgen einen „Nährstoffbooster“. So nennt es Fabian Ribbeck, das Herrchen des etwa zwölf Jahre alten Mischlingshundes aus Spanien. Ribbeck nimmt sich eine halbe Stunde Zeit, mixt Leinsamen, Lupine, Sprossen oder ähnlich Nährstoffreiches zusammen und stellt eine Art Dressing für das Frühstück seines Hundes her. Dazu bekommt Gringo Dosenfutter, das seinen Namen trägt: Gringo Lichtkornroggenschmaus mit Dinkelnudeln, Gringo Hanfschmaus, Gringo Kichererbsenschmaus mit Kastanien. Alles in Bioqualität – und alles vegan.

Ein Quetschie für Kinder? Nein, 
„Pudding für Katzen!“
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Ribbeck, der aus ökologischen und ethischen Gründen seit fast 15 Jahren vegetarisch und seit über zwei Jahren vegan lebt, gründete, kurz nachdem er aufgehört hatte Fleisch zu essen, einen Bio-Tierkostvertrieb. Er will den ökologischen Fußabdruck von Haustieren verringern. Seinen eigenen Schäferhund ernährte er fortan fleischlos. Das habe wunderbar geklappt, sagt Ribbeck, der Schäferhund habe ein normales Alter erreicht. Nun versucht Ribbeck es mit Gringo. „Es kommt nicht alles gut bei ihm an“, sagt er. „Ich verstehe nicht, warum, aber er darf natürlich mitentscheiden.“ Gringo frisst also auch Fleisch. Für Ribbeck ein Dilemma. Immerhin achtet er streng darauf, wo das Fleisch herkommt und dass nur sogenannte Schlachtabfälle verwendet werden.

Der „Super Popcorn-Spaß aus der Mikrowelle“ ist ein oscarreifes Leckerli für Nager
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Wie das Herrchen, so der Hund – was man über die Ähnlichkeit der Halter und ihrer Gefährten sagt, gilt heute mehr denn je. Hunde und Katzen sind zu Familienmitgliedern aufgestiegen, manchmal sind sie sogar Kinderersatz. Mit ihrem Status ändert sich auch ihre Ernährung. 13,7 Millionen Katzen und 9,2 Millionen Hunde lebten 2017 in deutschen Haushalten, jedes Jahr werden es mehr – und die Vermenschlichung ihrer Ernährung nimmt immer groteskere Züge an. Halter übertragen ihre glutenfreie Diät auf die Tiere, sie kochen aufwendig für ihre Lieblinge, kaufen Spezialitäten beim Schlachter oder ernähren Miezi und Bello konsequent nur mit rohen Zutaten („barf“ – bone and raw food). Während manch Vegetarier seinen vierbeinigen Begleiter fleischlos füttert, ist Fleischliebhabern das beste Filetstück im Napf gerade gut genug.

Dieses „Buttercroissant“ für Hunde wurde in liebevoller Handarbeit mit zarter Hühnerbrust umhüllt
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Eine Studie der University of California in Los Angeles (UCLA) von 2017, die die ökologischen Folgen der Hunde- und Katzenhaltung unter die Lupe nahm, bestätigt diesen Trend. Gregory Okin vom Institut für Umwelt und Nachhaltigkeit stellte fest, dass Haustiere in den USA durch ihren hohen Fleischverbrauch rund ein Viertel der durch Viehhaltung entstehenden Umweltschäden verursachen. Und der Konsum werde vermutlich steigen, da es einen Trend zu Premiumfutter gebe, in dem mehr und hochwertigeres Fleisch verwendet wird, das auch für den menschlichen Verzehr geeignet wäre.

Okin liefert keine Belege oder konkrete Zahlen, doch seine Vermutung lässt aufhorchen. Stecken auch im Premiumfutter deutscher Hersteller immer mehr Hühnerbrust und bester Schweineschinken? Es hätte weitreichende ethische und ökologische Konsequenzen. Denn es würde bedeuten, dass in großem Stil Hühner und Schweine in der Regel in industrieller Massentierhaltung gehalten und anschließend getötet würden, nur um Hunde und Katzen zu ernähren.

Ein Nougatkeks? Nein, „Lamm-Sushi“ für Hunde
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Selbst sogenanntes Premiumfutter ist in den seltensten Fällen biozertifiziert. Gesondert ausgewiesene Zahlen darüber gibt es auch in Deutschland nicht. Weder der Industrieverband Heimtierbedarf (IVH) noch der Bundesverband der Deutschen Fleischwarenindustrie (BVDF) oder „Fressnapf“, größter Händler für Heimtierbedarf im Land, können sagen, welchen Anteil die Premiumprodukte am Gesamtumsatz haben. Und was für Fleisch in den Dosen steckt, wissen sie erst recht nicht. IVH-Sprecher Detlev Nolte behauptet jedoch: „Es gehört zu den Grundprinzipien der Branche, dass kein Tier ausschließlich gehalten oder geschlachtet wird, um Tiernahrung daraus zu machen.“

Eine Praline? Richtig, es handelt sich um einen „handgefertigten Minz-Trüffel“ aus Hundeschokolade, Sahne und Minze
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Beim Blick in die zahlreichen Futterangebote im Internet entsteht ein anderer Eindruck: Anbieter werben mit Bildern von dicken Steaks, ganzen Hühnern und Filetstücken. In der Kennzeichnung ist meistens von „frischem Fleisch“ oder „Muskelfleisch“ die Rede, manchmal ist es aber auch eindeutiger: Brustfleisch steht dann da, Hühnerfilet oder Schinken. Um zu verstehen, was daran fragwürdig ist, muss man wissen, dass Hunde und Katzen neben Gemüse, Getreide und Zusatzstoffen normalerweise Schlachtnebenprodukte fressen. Dabei handelt es sich um „Kategorie-3-Produkte“, die zwar Lebensmittelqualität haben, für den menschlichen Verzehr heute aber kaum noch gefragt sind. Lunge, Herz, Innereien, dazu Häute, Hufe und Hörner, die in den Verarbeitungsbetrieben zu Tiermehl zermahlen werden. Der Vorteil: Vom Tier wird nur wenig weggeworfen.

Ein Muffin? Genau, ein Muffin für Nager. Mit Nüssen und wertvollem Vollei. Aus der „hauseigenen Bäckerei“ des Herstellers
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Durch einen Anruf bei der Servicegesellschaft Tierische Nebenprodukte mbH (STN) erfährt man, dass in Deutschland jedes Jahr drei Millionen Tonnen tierische Nebenprodukte verarbeitet werden. Knapp 500.000 Tonnen davon gehen als Fette und Proteine in die Heimtierfutterindustrie. Den Großteil ihrer tierischen Lebensmittel holen sich die Hersteller direkt bei den Schlachthöfen ab. Was bekommen sie da? Anruf bei Platinum, einem Unternehmen, das damit wirbt, einen hohen Anteil an Fleisch zu verarbeiten, das ohne Zusatz von Wasser im eigenen Saft gegart wird. Marco Kammermeier, ein Sprecher des Unternehmens, ist auskunftsfreudig.

Was für Fleisch verwenden Sie in Ihrem Hundefutter?
„Das ist Fleisch, das Sie auch im Supermarkt kaufen. Da sind Stücke dabei, die sich auf dem Grill gut machen würden.“
Woher kommt das Fleisch?
„Die Produktion ist in Spanien, ein großer Markt für Geflügel. Wir kaufen auch ganze Hühner. Und Teile, die nicht einwandfrei sind, aus denen hier wahrscheinlich Wurst gemacht werden würde. Aber auch die Nebenerzeugnisse sind nicht schlecht, Herzen zum Beispiel.“
Wie viel Fleisch kaufen Sie pro Jahr?
„Das kann ich nicht sagen.“
Können Sie es herausfinden?
„Nein, dazu geben wir keine Zahlen heraus.

Für Mensch oder Tier? Es handelt sich um einen Hundesnack – mit Lamm, Cranberrys und Kartoffeln
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Zeit, einen Experten nach dem Grund für die Vermenschlichung der Tiernahrung zu fragen. Ellen Kienzle ist Fachtierärztin für Tierernährung und Diätetik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Sie liebt zwar Pferde mehr als Hunde und Katzen, kennt sich aber mit allen drei Arten gut aus. Auch sie bestätigt einen Trend zur Humanisierung von Tieren, besonders unter Gutverdienern, denen die Gesundheit ihrer Gefährten am Herzen liege. Sie glauben, dass Schlachtnebenprodukte, die häufig auch als Schlachtabfälle bezeichnet werden, nicht gut sind für ihren Hund. Und sie glauben, dass nur in hochwertigem Fleisch ausreichend Proteine stecken.

Beides ist falsch. Kienzle betont: „Für den gesunden Hund macht es keinen Unterschied, ob er Milz, Lunge oder Herz frisst – oder Filetfleisch.“ Sie hält es für ein gravierendes Problem, wenn für die Haustiere andere Tiere gehalten und geschlachtet werden. „Das geht zu weit“, sagt sie. „Und das gibt es, oh ja, das gibt es.“ Solange noch so viele Menschen Fleisch essen, fallen eigentlich genügend Nebenprodukte an – und es ist absolut sinnvoll, diese an die Haustiere zu verfüttern. Ebenso sinnvoll wäre es, auch beim Tierfutter auf Bioqualität zu achten, um die Nachfrage nach Nebenprodukten aus konventioneller Tierhaltung zu verringern.

Schokokuchen? Fast. Wir wissen nicht, was drin ist. Es ist jedenfalls eine Pastete „aus kontrolliert biologischem Anbau“ für Igel
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Von rein vegetarischer Ernährung für Hunde und Katzen hält Kienzle nichts. „Bei der Katze käme das einem ungenehmigten Tierversuch gleich“, sagt sie. Beim Hund sei es zwar möglich, doch die typische Nahrung des Hundes beinhalte nun mal Fleisch. „Wenn jemand seinen Hund trotzdem vegetarisch ernährt, dann tut er es wegen der eigenen Befindlichkeit“, sagt sie.
Das trifft auch auf Fabian Ribbeck zu. Er weiß das. Deshalb hat er, der seit seiner frühen Kindheit Hunde hält, darüber nachgedacht, kein Haustier mehr zu haben. Noch wiegt jedoch die Liebe schwerer als die Vernunft. Also versucht er weiterhin, Gringo vom Fleischverzehr abzubringen. Neuerdings mit proteinreichem Futter auf Insektenbasis.

Weitere Geschichten über den Kampf um mehr Tierwohl können Sie in der aktuellen Ausgabe des Greenpeace Magazins 2.19 „Tierrechte“ lesen. In unserem Schwerpunkt berichten wir auf beinahe 60 Seiten darüber, warum und wie sich unser Umgang mit Tieren ändern muss.