Fokus

Tierwohl
gibt es nicht im
Son­der­an­ge­bot

Was macht Huhn, Schwein und Rind zufrieden?
Das wollen nun auch konventionelle Landwirte wissen.
Wir zeigen die Vorreiter

Züchter haben noch 2013 neun von zehn Hennen die Schnäbel gekürzt. Damit ist jetzt Schluss
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Tierwohl
gibt es nicht im
Son­der­an­ge­bot

Text: Andreas Weber

Fotos: Julia Sellmann

Züchter haben noch 2013 neun von zehn Hennen die Schnäbel gekürzt. Damit ist jetzt Schluss

Fast alle Deutschen sind der Meinung, dass Schweinen, Hühnern und Kühen ein gutes Leben zusteht. Und längst hat auch die Politik die Brisanz des Themas erkannt: In den Agrarländern Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen haben sich grüne Minister vorgenommen, die schlimmsten Missstände in den Ställen abzustellen. 
Wir ziehen eine Zwischenbilanz und zeigen, was bereits erreicht worden ist. Bei unseren Besuchen auf konventionellen Vorzeigehöfen wird klar: Der Wunsch nach mehr Tierschutz kann sich nur erfüllen, wenn die Gesellschaft bereit ist, sich den Mehraufwand für die Landwirte etwas kosten zu lassen

Es gibt einen Moment im Gespräch, da zeigt sich in den Zügen von Ingo Mardink eine Regung, deutlicher vielleicht, als ihm lieb ist. Es ist der Moment, als sich der Landwirt aus dem niedersächsischen Wilsum daran erinnert, warum er im Jahr 2010 neben seiner Milchviehwirtschaft noch die Freilandhaltung von Legehennen begonnen hat und nicht etwa die Mast von Hähnchen oder Schweinen.

Für einen Augenblick schimmert Mardinks Gefühl in seinen Augen, der Antrieb, der sein Handeln leitet, obwohl er sich kühl kalkulierend gibt, in der typisch unsentimentalen Art eines norddeutschen Landwirts. „Ich würde niemals Tiere halten, nur um sie schlachten zu lassen“, erklärt er seine Entscheidung für die Freilandhühner. „Nie.“

Seine Tiere sollen leben – und zwar anständig. Dann, so weiß er, „bringen sie auch Leistung“. Er hält sie schließlich, um mit ihnen zu produzieren – und nicht, um sie in die Wurst zu schicken. Ein klein wenig behandelt der Mittvierziger sein Vieh wie Mitarbeiter. Geschenkt wird den Tieren nichts. Aber schlecht behandelt werden sollen sie eben auch nicht.

Draußen, über dem tief heruntergezogenen Dach des modernisierten Gehöftes, in dem schon die Urgroßeltern Landwirtschaft betrieben, rieselt der Regen in eine frühe Abenddämmerung. Mardinks Hof liegt in der Agrarregion im Westen Niedersachsens. Draußen kahle Ackerflächen, leere Weiden und ein grauer Himmel. Mardink hat sich zum Ziel gesetzt, auch als konventioneller Bauer fair zu seinen Tieren zu sein. Trotz fallender Milch-, Eier- und Fleischpreise. Während Nachbarn links und rechts in den weit auseinander liegenden Höfen das Handtuch werfen, ihre Rinder verkaufen und in Frührente gehen.

2016 hat Mardink ein selbst geplantes Rohrsystem in seiner Hühnerhalle installiert, das mehrmals täglich Maissilage und gehäckselte Luzerne zwischen die mehrstöckigen Regale mit den Legenestern streut. Wenn das Häckselgut auf die braun gefiederten Rücken rieselt, brechen 20.000 Hennen in frenetisches Gegacker und erregtes Flügelschlagen aus. Die Tiere flattern von ihren Sitzstangen herab und beginnen, auf dem Boden zu scharren und zu picken. Ganz wie es ihre Art ist. 

Mardink verteilt das Material zusätzlich zum normalen Kraftfutter – vor allem, um den Hühnern die Zeit zu vertreiben. Haben die genug zu tun, weiß er, kommen sie seltener auf die Idee, sich gegenseitig Federn auszureißen und einander zu hacken. 

Seit dem1.Januar dürfen in Niedersachsen keine Hühner mehr den Stall beziehen, denen – wie bislang üblich – die vorstehende Spitze des Oberschnabels gekappt wurde. Der Plan hat Schule gemacht: Was nun im Nordwesten der Republik bereits geltendes Recht ist, soll gleichzeitig im übrigen Deutschland erst mal durch eine freiwillige Vereinbarung zwischen Geflügelverbänden, Lebensmittelindustrie und dem Bundeslandwirtschaftsminister erreicht werden. Mit dem Schnabelkürzen bei Legehennen ist Schluss. 

Das gleicht einer Revolution im Hühnerstall. Denn bisher ließ die konventionelle Geflügelwirtschaft bei fast allen Legehennenküken routinemäßig mit heißer Klinge, Laser oder Infrarotbestrahlung die von vielen Nerven durchzogene Spitze des Oberschnabels abtrennen, damit sich die oft in drangvoller Enge gehaltenen Tiere nicht gegenseitig verletzen. Unter Stress haben Hühner einen fatalen Hang zum Kannibalismus. 

In vielen Hühnerställen – besonders in Bodenhaltung – ist der Untergrund dicht an dicht von Leibern bedeckt. Scharren, Picken, Gräser zupfen, für das Ausleben artgerechter Verhaltensweisen ist da kein Platz. Doch auch in konventioneller Freilandhaltung wurden die Körper der Tiere bislang per Amputation ans Leben in der Großgruppe angepasst. Die eine Qual sollte schlimmere ersparen – und die wirtschaftlichen Verluste der Hennenhalter in Grenzen halten. Das ist nun in Deutschland vorbei.

Die neue Regelung bedeutet allerdings auch: Fortan kann jede Keilerei im Großstall blutige Folgen haben. „Man muss sich die Hühner vorstellen wie zwei Fußballmannschaften beim Elfmeter, bei dem alle Spieler Messer in der Tasche haben“, schildert Mardink die unterschwellige Spannung in Legehalle und Freilauf. Je mehr die Hennen ihren normalen Aktivitäten folgen können, sagte er sich, desto ruhiger die Stimmung.

Im Dezember 2016 wurde Mardink für seine aufwendige Installation als „bester Geflügelhalter des Jahres“ mit dem renommierten CERES-Award ausgezeichnet. Mardink habe als konventioneller Landwirt auf vorbildliche Weise das Tierwohl verbessert, heißt es in der Begründung. Der Wilsumer hatte nicht gewartet, bis ihn das Verbot kupierter Schnäbel zum Handeln zwang, sondern vorausgedacht. Er wollte vorbereitet sein – so, dass es seinen Tieren besser geht. 

Lange Jahre war vor allem der Biolandbau für glückliche Kühe, Schweine und Hühner zuständig. Die meisten Normalbauern setzten auf steigende Effizienz und Masse und nahmen dabei oft in Kauf, die Tiere wie fühllose Ware zu behandeln. Die Folgen kennt inzwischen jeder: Gnadenlos auf Leistung gezüchtete Kreaturen sind in solcher Enge zusammengepfercht, dass sie sich nur dann nicht gegenseitig zerfleischen, wenn ihnen nach der Geburt Teile ihres Körpers entfernt werden.

Legehennen und Mastputen verlieren routinemäßig Teile ihres Schnabels, Ferkeln wird der Ringelschwanz gekürzt und Rindern der Ansatz des Gehörns ausgebrannt – und all das oft immer noch ohne Betäubung. Zwar verstoßen all diese Eingriffe gegen europäisches Recht und sind nur mit Ausnahmegenehmigungen erlaubt. Die aber haben sich als Dauerzustand etabliert.

In den letzten Jahren aber schauen immer weniger schweigend weg. Das Schicksal der Nutztiere ist ins Bewusstsein der Menschen gerückt, die durch zahlreiche Skandale und oft auch durch heimlich gedrehte Aufnahmen von Tierschützern von den Zuständen in vielen Ställen erfuhren. Laut Umfragen sind 
achtzig Prozent der deutschen Verbraucher der Ansicht, dass es Nutztieren endlich besser gehen sollte – und zwar allen.

Mittlerweile machen sich auch Politiker das Thema zu eigen: Zögernd und oft gegen den mächtigen Widerstand der Agrarverbände versuchen manche, wenigstens die Mindeststandards der Tierhaltung so weit anzuheben, dass konventionell erzeugte Tierprodukte nicht automatisch Quälerei entstammen. 

Am meisten setzen die zuständigen Minister von Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen in Bewegung. Ausgerechnet in den beiden Bundesländern, in denen die Industrialisierung der Landwirtschaft am weitesten fortgeschritten ist und in denen mit Abstand am meisten Tiere gehalten werden, leiten grüne Minister die Agrarressorts. Christian Meyer und Johannes Remmel haben vor einigen Jahren mit dem Versprechen, das Tierwohl zu verbessern, ihr Amt angetreten. Ihr Ziel ist es, die Unterschiede einer Zwei-Klassen-Gesellschaft zu verringern – zwischen dem wenigen halbwegs artgerecht gehaltenen Bio-Vieh und dem unglücklichen Rest.

In Mardinks Heimat, dem Agrarland Niedersachsen, hatte 2011 noch die CDU-Vorgängerregierung einen „Tierschutzplan“ aufgelegt und damit auf eine Reihe von Skandalen reagiert. Trotzdem verlor die Union die Wahl, und der grüne Nachfolger nahm sich vor, das Programm bis 2018 abzuarbeiten. Darin ist festgeschrieben, welche umstrittenen Praktiken in der Landwirtschaft beendet werden sollen – und bis wann.

Meyer sieht sich als Vorreiter für Deutschland. Anfang Februar forderte der Bundesrat auf seine Initiative mit großer Mehrheit die Bundesregierung auf, eine „nationale Nutztierstrategie“ für mehr Tierwohl vorzulegen. Niedersachsens Tierschutzplan hat nun eine Vorbildfunktion für Deutschland.

Der Ringelschwanz ist zum Politikum geworden. Bleibt er dran, erhält der Bauer 16,50 Euro extra
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Im Zentrum des Plans steht ein Stopp der Amputationen. Entsprechend hat Niedersachsen nicht nur als erstes Bundesland das Schnabelkürzen bei Hennen verboten, sondern versucht überdies, mit einer „Ringelschwanzprämie“ Landwirte dazu zu bewegen, auch Schweinen einen unversehrten Körper zu garantieren. Das schmerzhafte Entfernen der Hornansätze bei Kälbern hingegen soll auf ganz andere Weise überflüssig werden: durch die Zucht hornloser Tiere, die vor allem in Nordrhein-Westfalen vorangetrieben wird.

Wie aber kommen die Landwirte mit den neuen Anforderungen aus Politik und Gesellschaft klar? Sind die Regeln für sie überhaupt umsetzbar? Wer soll die dafür nötigen Investitionen bezahlen? Müssen die Bauern alles allein aufbringen? Und: Kann der Tierschutzplan in der Praxis tatsächlich etwas bewegen – oder ist er eher ein Laborieren an Symptomen, das an der industriellen Tierproduktion kaum etwas ändern wird?

Verlässliche Antworten sind für die Landwirte lebenswichtig, denn sie stehen unter Druck. Mehr denn je fühlen sich viele wie hilflose Schachfiguren, hin und her geschoben zwischen politischen Vorgaben und gnadenlosen Märkten, die stets nach dem Billigsten verlangen. Hinzu kommt das schwer zu ertragende Misstrauen der Verbraucher.

 „In letzter Zeit ist der Frust hochgekommen“, klagt auch Mardink. Er muss sich in alle Richtungen verteidigen. Gegenüber Kollegen, die sein freiwilliges Engagement fürs Tierwohl bespötteln. Und gegenüber den Menschen, die konventionelle Landwirte oft unter Generalverdacht stellen. Vor ein paar Wochen sprach er in Meppen an einem Marktstand mit einem Passanten, der beklagte, dass Bauern wie er immer mehr Rinder in immer größere Ställe steckten. „Ich würde liebend gern nur fünfzig Kühe halten und nicht siebzig, habe ich dem gesagt“, erzählt Mardink. „Wenn ich es mir denn leisten könnte.“

Pro Stunde, sagt der Landwirt, verdiene er weniger als den bundesweiten Mindestlohn. Als der Milchpreis in der Folge des Russlandembargos in den Keller fiel, seien Rücklagen von vier Jahren innerhalb von vier Monaten dahingeschmolzen. Und trotzdem habe er es geschafft, Geld zur Verbesserung der Haltung loszueisen. 42.000 Euro habe die Hühner-Fütter- und Beschäftigungsanlage gekostet. „Die kriege ich von keinem zurück“, sagt er.

Zuerst hatte Mardink versucht, das Raufutter mit der Hand in die Gänge zwischen den Sitzstangen und Legenestern zu schaufeln. „Aber täglich anderthalb Stunden Arbeit, nur um die Hühner zu bespaßen, das war zu viel.“ Er begann zu planen.

Schon beim Bau der Halle und der Auslaufflächen draußen hatte Mardink darauf geachtet, alles ein bisschen großzügiger auszulegen, als es der Mindeststandard vorschreibt. Während anderswo nach Vorgabe neun Hennen pro Quadratmeter Stall herumlaufen, sind es bei ihm nur sieben, das ist fast schon Bio-Niveau. Und erträgt es stoisch, wenn ihm der Habicht in den anderthalb Jahren einer Hühnergeneration von der 20.000-köpfigen Herde bis zu 500 Hennen wegfängt. Freiland muss sein, da hat er seinen Stolz. Schließlich ist er Grundbesitzer.

Inzwischen haben Firmen wie Big Dutchman, die weltweit mit Hoftechnik handeln, Varianten von Mardinks Einstreukonstruktion im Angebot, zu einem stattlichen Preis. Das zeigt: Auf breiter Front werden sich Tierwohlverbesserungen nur durchsetzen, wenn der Bauer dafür entlohnt wird. Wenn also der Verbraucher für sie zahlt – oder der Staat. 

Mardink müsste mindestens drei Cent mehr pro Ei erhalten, damit sich seine Investition lohnt. Weniger engagierte Kollegen behelfen sich damit, Strohballen in den Stall zu schieben, an denen die Hühner picken können, oder Porenbetonsteine. 

Trotzdem kann es immer wieder zu Kannibalismusattacken kommen, die nun viel schwerere Folgen haben: Branchenkenner fürchten, dass schon bald neue „hässliche Bilder“ aus Hühnerställen öffentlich werden. „Es wird eine Phase geben, in der die Halter viel lernen müssen“, erklärt die Tierwohlberaterin Christiane Keppler vom Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen. 

Sie erwartet aber, dass sich die Landwirte in ein bis zwei Jahren darauf eingestellt haben werden, dass langschnäbelige Hennen viel mehr Aufmerksamkeit brauchen. „Die Umstellung ist ein Kraftakt“, sagt sie. „Der sollte vom Verbraucher auch honoriert werden.“ Dass gerade jetzt der Lebensmittelhandel die Eierpreise auf einen historischen Tiefstand gedrückt hat, findet die Biologin „zutiefst unfair“.

Mit dem bundesweiten Ende des Schnabelkupierens ist ein wichtiges Ziel des niedersächsischen Tierschutzplans erreicht. Ob es aber in der Summe ein Mehr an Tierwohl bringen wird, solange nicht auch die übrigen Bedingungen entscheidend verbessert werden, ist nicht klar. Wie Ingo Mardink demonstriert, hängt viel am persönlichen Engagement des einzelnen Landwirtes.

Solange den Tieren nicht mehr Raum zur Verfügung steht und nicht ausreichend natürliche Materialien, mit denen sie sich beschäftigen können, das haben Pilotstudien gezeigt, kann schon ein kleines Ereignis wie ein Fehler in der Klimaanlage Hackattacken auslösen, sogar unter Biohennen. Mehr Tierwohl bringt den Bauern mehr Arbeit und höhere Kosten – ohne dass sie mehr verdienen.

Beim Ringelschwanz, der zum Symbol des Kampfes um mehr Tierwohl in der Landwirtschaft geworden ist, hat Niedersachsen deshalb einen neuen Weg eingeschlagen: Es zahlt. 16,50 Euro überweist das Land jedem Schweinemäster pro Tier, wenn der Schwanz unversehrt bleibt und das bei mindestens siebzig Prozent der aufgezogenen Schweine durchgehalten wird. Im ersten Förderjahr 2016 haben 86 Betriebe an dem von intensiver Beratung begleiteten Schwanzprogramm teilgenommen. Nur fünf Prozent fielen durch und erhielten keine Prämie.

Laut Tierschutzplan sollte eigentlich auch das Schwanzkürzen zum Jahreswechsel enden – aber der Termin wurde verschoben. Die wenigsten Schweinehalter trauen sich bisher zu, ihre Produktion umzustellen. Sie fürchten Blutorgien in ihren Ställen, wo die Tiere meist auf tristen Betonspaltenböden von einem Bein aufs andere treten und es nur wenige Möglichkeiten gibt, Abwechslung zu schaffen. 

Einer, der es gewagt hat, ist Ingo Jürgens. Der Landwirt mit dem jungenhaft offenen Gesicht arbeitet ebenfalls im Tandem mit seinem Vater, auch hier hat der Sohn, wie sein Kollege Mardink, inzwischen die Entscheidungshoheit. Von 1499 stammt der erste Nachweis der Hofstelle auf dem Land nördlich von Osnabrück. Im Vorraum zur Ferkelaufzucht streifen sich Vater und Sohn leuchtend gelbe Overalls über. Die Schutzkleidung ist aus Hygienegründen farblich nach Stationen getrennt. Um die Sauenhaltung zu betreten, gibt es rote, für die „Abferkelstation“, den Bereich, wo die Mutterschweine ihre Kinder gebären und säugen, grüne. 

Bei Jürgens ist noch alles unter einem Dach. Vater und Sohn halten die Muttersauen, ziehen die Ferkel auf und mästen sie bis zur Schlachtreife. Häufiger ist heute die Spezialisierung: Die meisten Mäster kaufen ihre Tiere bei „Ferkelerzeugern“. Seit 2010 haben bundesweit 1300 Mäster aufgegeben. „Finanziell sind wir die Letzten in der Kette“, sagt Jürgens lakonisch. Derzeit zahlen Schlachthöfe etwa 120 Euro für ein hundert Kilo schweres Schwein. Zieht Jürgens alle seine Kosten vom Futter bis zum Tierarzt ab, bleiben ihm zehn Euro Gewinn pro Tier. Da kommt die Schwanzprämie gelegen.

Schon im nächsten Jahrzehnt könnten die meisten Rinderbestände von sich aus glatte Köpfe tragen
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Zu den Ferkelställen öffnen sich Türen in einem schmalen Gang. Als Jürgens einen der mit Kunstlicht beleuchteten Räume betritt, stieben die Tiere, mit sechs Wochen so groß wie rosige Dackel, quiekend in die Ecken ihrer Buchten, die sie mit dreißig anderen teilen. Die Luft ist stechend. Als sich die erste Aufregung legt, drehen sich einzelne Ferkel um und beschnüffeln die Ankömmlinge. Die Augen unter den blonden Wimpern wandern flink umher, der feuchte Rüssel ist in Bewegung. Schweine sind Gemütstiere. Schon zu Beginn ihres kurzen Mastlebens zeigt sich, wie neugierig und sensibel sie sind.

Was das Schweinegemüt erregt, teilt sich am Ringelschwanz mit. Ähnlich wie bei einem Hund nimmt der als Indikator wechselhafter Seelenlagen ständig neue Positionen ein. Mal wedelt er energisch, dann wieder klappt er hoch und kräuselt sich. Ist das Schwein gestresst, hängt der Körperfortsatz herab und schlappt schwach hin und her. Ist das Tier guter Dinge, rollt es den Schwanz immer wieder schwungvoll zur Spirale. 

In Jürgens’ Boxen sind die Schwänze meist geringelt. Das freut den Züchter. Seit er sie nicht mehr nach der Geburt mit einer glühenden Drahtöse zu einem kurzen Stumpf kupiert, erhält er von den Ferkeln etwas zurück: Sie zeigen ihm mit erhobener Schwanzspirale ihre Zufriedenheit. „Das ist eine Bestätigung“, sagt Jürgens. Der leise Verdacht, dass ihr Leben einem Martyrium gleicht, ist für ihn aus der Welt. 

Vorher konnten seine Tiere schlechter ausdrücken, wie es um sie stand. „Ohne Schwänze hat man über viele Sachen hinweggesehen“, sagt Jürgens. „Jetzt ist sofort klar, wenn Stress herrscht – und man muss reagieren.“ Zu viel Lärm, kalte Zugluft, die Mischung von Ferkeln zweier Mütter, all das kann die sensiblen Borstenviecher in Aufregung versetzen. Dass die Ferkel zeigen, wenn sie leiden, macht viel Arbeit – denn Jürgens muss sofort einschreiten. „Kürzlich ließen die Tiere alle ihre Schwänze hängen. Es hat sich herausgestellt, dass sie Durst hatten. In einem Bestand mit kupierten Schwänzen wäre mir das vielleicht entgangen.“ 

Der Stress-GAU ist das gefürchtete Schwanzbeißen. Beginnt ein nervöses oder gelangweiltes Tier, die Körperanhängsel seiner Geschwister blutig zu knabbern, kann das verheerende Folgen haben. Denn der Kannibalismus steckt an, es fließt noch mehr Blut, die Wunden entzünden sich, oft müssen ganze Herden notgeschlachtet werden.

Das passiert nicht nur in der konventionellen Haltung, auch Bioschweine verfallen bisweilen in einen solchen Blutrausch. Um das zu verhindern, werden in der konventionellen Landwirtschaft seit den Siebzigerjahren routinemäßig die Schwänze kupiert. „Ich habe 1976 noch fünf Mark Prämie pro Schwein bekommen, wenn ich den Schwanz abgeschnitten habe“, erinnert sich Jürgens’ Vater. „So ändern sich die Zeiten.“

Nun sollen die Schwänze also dranbleiben – aber das ist für die Landwirte in den heutigen Großbetrieben eine echte Herausforderung. Jürgens hängt Spielzeug in die Boxen, um den Kannibalismus im Keim zu ersticken. Von der Decke baumelt ein Holzring, aus dem elastische Gummischläuche herausstehen. Sie wirken wie Zwitter aus mütterlicher Zitze und geschwisterlichen Körperfortsätzen. Daran können die Ferkel knabbern und saugen. Alles, was die Schnauze aktiv hält, hilft: Auf dem Boden steht ein Trog mit Kalk, in einer Raufe ballt sich Heu, das die Ferkel herauspfriemeln können. Statt auf den nackten Betonspalten dürfen die Ferkel auf Matten schlafen. 

Viel hat Jürgens nicht im Angebot, was den kleinen Schweinen das Leben versüßt. Aber es reicht schon, um das Programm für ihn zu einem Erfolg zu machen. Wenn doch eine Beißerei beginnt, sagt der Landwirt, befestigt er alte Jutesäcke mit Kabelbinder in den Boxen. Der Stoff wird dann von den hitzköpfigen Jungschweinen sofort zerfetzt. Zusätzlich mischt er zur Besänftigung Fischmehl ins sonst vornehmlich aus Sojaschrot bestehende Futter. Tierprotein stillt die Aggression. 

Jürgens nimmt bislang nur mit der Hälfte seiner 2600 Mastschweine an der Schwanzprämie teil. Sicher ist sicher. Die meisten Kollegen sind so vorsichtig wie er. Doch manche haben bereits frustriert aufgegeben, weil sie die Beißereien nicht in den Griff bekommen haben. Das Ziel des Tierschutzplans, ab 2017 die Schwänze dranzulassen, wird also weit verfehlt. 

Nach einer Studie der Fachhochschule in Soest müsste für intakte Ringelschwänze mindestens dreißig Euro pro Ferkel ausgezahlt werden, um die Zusatzkosten aufzufangen, die mehr Platz, mehr Spielzeug und der erhöhte Betreuungsaufwand verursachen. Würde der Langschwanz unter den gegebenen Umständen Pflicht, schmissen viele hin, glaubt Jürgens. Schon jetzt geben Landwirte, die sich aus der Schweinemast verabschieden, weil sie rote Zahlen schreiben, den Tierschutzauflagen die Schuld. In Wahrheit aber ist der Markt verantwortlich: Mit Schweinefleisch lässt sich immer weniger verdienen.

Für Jürgens’ Kollegen Martin Schulz, der die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) als Bundesvorsitzender leitet, sind die Bauern an ihrer Ohnmacht nicht unschuldig. Zu oft wählen sie als Vertreter ihrer mächtigsten Interessengruppe, des Bauernverbandes, Kollegen, die mit der Industrie verbandelt sind – und dadurch gerade denen nahe stehen, welche die Erzeugerpreise drücken. Schulz, der selbst einen Neuland-Betrieb führt, beneidet seine Kollegen nicht. 

Neuland ist nicht Bio, orientiert sich aber stark am Tierschutz. Weil dort schon seit dreißig Jahren keine Amputationen mehr erlaubt sind, kann Schulz die Schwanzprämie jetzt einfach mitnehmen – er teilt sie sich mit seinem Ferkellieferanten.

In mancher Hinsicht setzt Neuland schon lange um, was bei einem Kompromiss aus konventioneller Haltung und Tierschutz möglich wäre. Preislich liegt Neuland-Fleisch unter Bio, ist aber teurer als konventionelle Massenware. Neuland-Schweine leben auf Stroh und haben Auslauf im Freien, wo sie auch ihr Geschäft verrichten. Auch hier werden manchmal Schwänze beknabbert. Doch da die Höfe meist kleiner sind und in den Ställen mehr Arbeit anfällt, werden Beißer bald entdeckt: Die Landwirte können schneller eingreifen. 

Die Schweinehaltung auf Spaltenböden dagegen lässt sich nur schwer tiergerecht aufpeppen. Viele Erzeuger haben Millionen in ihre Ställe investiert, und entsprechend schwer fällt es ihnen, den eingeschlagenen Weg wieder zu verlassen. Jürgens glaubt nicht daran, dass er als Neuland-Bauer über die Runden kommen würde. So wie er denken viele seiner Kollegen. Den meisten sitzen die Banken im Nacken. „Die Kleinen sind inzwischen alle weg“, erklärt Jürgens. In Deutschland hat sich seit dem Krieg alle zwanzig Jahre die Zahl der Betriebe halbiert – und die Zahl der je Hof gehaltenen Tiere etwa verdoppelt.

Der Landwirtschaftsbeirat der Bundesregierung hat jüngst ausgerechnet, dass jährlich vier Milliarden Euro an Mehrkosten anfielen, würden Deutschlands Schweineställe tiergerecht umgerüstet. Derzeit ist völlig unklar, wo das Geld herkommen soll.

Neben Schwein und Huhn verfügt auch der dritte Protagonist der deutschen Nutztierhaltung, die Kuh, über Körperfortsätze, die in der Logik der modernen Tierhaltung Probleme machen oder gar gefährlich werden können – die Hörner. Doch hier zeichnet sich eine andere, wenn man so will: elegantere Lösung ab.

Die Lösung heißt „Kiss PP“, wiegt eine knappe Tonne, und ist über dem muskelbepackten Stiernacken rotbunt gefleckt. Der potente Bulle steht in der Besamungsstation des Zuchtunternehmens Rinderunion West im nordrhein-westfälischen Borken. Das einzige, was an dem Tier nicht mächtig und urgewaltig erscheint, ist das Gehörn: Kiss PP hat nämlich keins. „PP“ steht für reinerbig „polled“ – hornlos.

Erbgut: Das Sperma lagert bei minus 196 Grad. Das Ende der grausamen Enthornungen von Kälbern könnte durch Zucht auf Hornlosigkeit gelingen.
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Bislang entfernen die meisten Züchter den Kälbern die Hornanlage. Auch siebzig Prozent der Biobetriebe machen mit. Mit einem Brennstab wird die Haut und das darunter liegende Horngewebe verschmort. Obwohl laut deutschem Tierschutzgesetz Eingriffe ohne Betäubung generell verboten sind, dürfen Kälber bis zu sechs Wochen bei vollem Bewusstsein enthornt werden. Vorgeschrieben ist ein Schmerzmittel und seit 2016 auch ein Beruhigungsmittel – aber keine echte Anästhesie. Im Nachbarland Schweiz ist der Eingriff längst nur noch unter Narkose gestattet.

Um die Enthornungsqualen bei der Wurzel zu packen, ist in Nordrhein-Westfalen 2012 die „Düsseldorfer Erklärung“ verabschiedet worden, ein Tierwohl-Konsens, in dem sich alle Player in der Rinderhaltung verpflichteten, der Zucht auf Hornlosigkeit Priorität einzuräumen. Unterzeichner waren der Agrarminister, die Rinderunion West, Landwirtschaftsverbände, Tierschutzorganisationen und auch Bioverbände.

Bislang erledigt in Deutschland der Bauer das Ausbrennen der Hörner selbst. Auch Ingo Mardink tut es routinemäßig. In seinem Boxenlaufstall, in dem sich die Rinder frei bewegen und nach Belieben auf Gummimatten ausruhen können, wären Hörner eine Gefahr – nicht nur für die Kühe, auch für ihn und seine Familie. Erst wenn er die Rinder im Sommer auf die Weide lässt, löst sich das Problem in Wohlgefallen auf. Noch in den Achtzigerjahren trugen die Kühe, die man als Kind durch den Weidezaun mit Gras fütterte, Hörner. Im Winter waren sie im Stall angekettet und konnten niemanden verletzen. 

Auch Mardink hatte schon ein paar hornlose Kälbchen dabei, aber das war Zufall. Wenn er im verglasten Büro in der ersten Etage des Kuhstalls sitzt und aus dem dicken Zuchtkatalog Bullensperma für seine Kühe aussucht, zählen für ihn andere Qualitäten – etwa ob das Euter bei der Zuchtlinie so geformt ist, dass die Zitzen sich gut vom Melkroboter ansaugen lassen. 

Gerade weil sich kein Milchbauer um die Hornlosigkeit schert, ist Ulrich Janowitz, Tierarzt bei der Besamungsstation der Rinderunion im münsterländischen Borken, auf seine Zuchtbullen so stolz. Deren Tierwohl sieht er jedenfalls nicht gefährdet. „Bei uns haben die ihren Spaß – das können Sie mir glauben“, erklärt er. Nach einem Jahrzehnt erfolgreicher Kreuzungsversuche sind die ungehörnten Tiere inzwischen genauso stattlich wie die Stiere mit Kopfbewuchs.

Hornlosigkeit liegt im Eigeninteresse der Firma. So spart die Rinderunion, die neben dem Bullensperma jährlich 25.000 Rinder verkauft, massiv an den Kosten für die Hornbeseitigung. „Je mehr hornlose Kälber geboren werden, desto verlockender wird es auch für Landwirte, voll darauf zu setzen, denn dann fällt ein ganzer Arbeitsschritt weg“, sagt er.

Von den 260 Zuchtbullen der Rinderunion ist mittlerweile jeder zehnte hornlos, fünf davon reinerbig. Das Gen dafür tritt bei Rindern immer wieder spontan auf. Manche Schläge, etwa das Galloway-Rind, werden schon seit Jahrhunderten hornlos gezüchtet. Dennoch wollen einige Biobetriebe nicht mitmachen, weil sie finden, dass den Tieren ohne Hörner etwas fehlt. Bei Demeter ist die Enthornung sogar explizit verboten. Der individuelle Kopfschmuck sei als Erkennungsmerkmal wichtig, an dem sich die Tiere bei der Rangordnung orientieren könnten. Manche Studien legten nahe, dass Hörner bei der Wärmeregulation im Sommer eine wichtige Rolle spielen. 

Inzwischen gibt es aber einen regelrechten Run auf PP-Rindersperma. Denn Landwirte müssen damit rechnen, dass das Ausbrennen bald verboten wird und höchstens noch für viel Geld vom Tierarzt durchgeführt werden darf. Besser also, man ist vorbereitet. Entsprechend komme die Umstellung der Herden schneller voran als erwartet, so Janowitz.

Schon im nächsten Jahrzehnt könnten die meisten Rinderbestände von sich aus glatte Köpfe tragen. Das Ende der grausamen Eingriffe am Rinderkopf könnte zu einem der größten Erfolge der neuen Tierschutzbemühungen werden – wenn auch mit einiger Verspätung, denn im Tierschutzplan sollte der Ausstieg aus dem betäubungslosen Enthornen bereits 2013 umgesetzt sein. 

Dagegen sind Lösungen der anderen dort aufgeschriebenen, teils noch brisanteren Missstände weiter völlig offen – etwa beim Schreddern männlicher Legehennenküken, der betäubungslosen Kastration von Ferkeln (die ab 2019 verboten werden soll) oder dem Schnabelkürzen bei den völlig überzüchteten und hochneurotischen Puten, deren Mast als übelstes Kapitel der heutigen Tierhaltung gilt. Bei keinem dieser Probleme wird es eine so einfache Win-win-Lösung geben wie bei der Zucht hornloser Rinder. 

Trotz klarer Verbraucherwünsche verläuft also die Umsetzung von Tierschutzvorgaben oft quälend langsam. Und wenn sie dann Pflicht werden, kann es passieren, dass das Tierwohl an anderer Stelle leidet, zum Beispiel weil aufgrund nicht angepasster Haltungsbedingungen Kannibalismus wieder zunimmt. 

Das lehrt vor allem eines: Solange Tierhaltung Teil der Marktmaschinerie bleibt und deren Zwang zur höchsten Effizienz unterliegt, kann sich nur dann grundsätzlich etwas bessern, wenn feste, von Angebot und Nachfrage unabhängige Regeln gelten und die Bauern für den höheren Aufwand bezahlt werden. Viele Landwirte würden nichts lieber tun, als ihre Tiere fair zu behandeln – wenn sie es sich leisten könnten. Doch solange unsere Gesellschaft die Bauern leiden lässt, leiden die Tiere.

Während Mardink in seinem ungeheizten Büro, auf dessen Tisch die fertigen Ohrmarken aus gelbem Plastik liegen, von oben über die Rinder blickt, tritt unten eine Mutterkuh mit breit geschwelltem Bauch unruhig von einem Bein aufs andere. Sie wird heute Nacht kalben. Behutsam gelingt es dem schweren Tier mit dem Kalb im Bauch schließlich, sich im Stroh auszustrecken. Wie die anderen 69 hat auch sie nicht nur eine Nummer, sondern einen Namen. Als Mardink das sagt, schimmert noch der Hauch einer anderen Haltung zu seinen Tieren durch, die er wie Mitarbeiter behandelt, archaischer und fast ein bisschen ungewohnt: Es klingt, als gehörten sie zur Familie.