Fokus

Toiletten für alle

Warum die globale Sanitärversorgung so entscheidend ist. Ein Report aus dem Greenpeace Magazin

Eine Behelfstoilette am Stadtrand von Port-au-Prince, Haiti
Eine Behelfstoilette am Stadtrand von Port-au-Prince, Haiti
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Toiletten für alle

Warum die globale Sanitärversorgung so entscheidend ist. Ein Report aus dem Greenpeace Magazin

Text: Fred Grimm
Fotos: Andrea Bruce

Eine Behelfstoilette am Stadtrand von Port-au-Prince, Haiti
Eine Behelfstoilette am Stadtrand von Port-au-Prince, Haiti

 

 

Mehr als vier Milliarden Menschen sind ohne Zugang zu sauberen, sicheren Toiletten. Im Kampf um eine bessere Versorgung geht es um Traditionen, Tabus und Respekt, aber auch um große wirtschaftliche Chancen. In der Ausgabe 1.20 des Greenpeace Magazins „2030“ betrachten wir die Problematik zu Wasser, Müll und Energie genauer. Den Artikel darüber, warum der Mangel an Toiletten und sauberem Wasser so politisch ist, lesen Sie hier.

Nichts wünscht Keshav sich sehnlicher als eine Frau. Die schöne schlaue Jaya soll es werden, eine echte Herausforderung für den einfach gestrickten Mann aus einem kleinen indischen Dorf. Aber da Keshav im Film „Toilet: A Love Story“ von dem charmanten Bollywood-Superstar Akshay Kumar verkörpert wird, dauert es nicht lange bis zur Hochzeitsfeier. Am nächsten Morgen wird Jaya von den Frauen des Ortes früh geweckt und zum gemeinsamen Austreten mit aufs Feld gebeten. Plötzlich wird ihr klar, dass sie in einem Dorf ohne Toiletten gelandet ist. „Bau mir ein Klo“, herrscht sie Kashev nach ihrer Rückkehr an, „oder ich lasse mich scheiden.“ Die Klo-Komödie war 2017 einer der großen Erfolge des indischen Kinos und ein Tabubrecher dazu. Über „Tatti“, Exkremente, sprach man eigentlich nicht im Land. „Tatti“, das war Sache der „Unberührbaren“, der „Unreinen“, die Latrinen säuberten, sofern es überhaupt welche gab.

Warten vor der einzigen funktionierenden Toilette im Slum
Warten vor der einzigen funktionierenden Toilette im Slum
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Erst recht schwieg man zu den Problemen der Frauen und Mädchen, die an Böschungen, Bahngleisen oder auf dem Feld ihre Notdurft verrichten mussten. In ständiger Angst vor sexuellen Übergriffen; niedergedrückt zudem von der „Das-haben-wir-immer-so-gemacht“-Tradition des indischen Patriarchats. 2015, als die Vereinten Nationen ihre Agenda 2030 verabschiedeten (siehe auch Seite 14), lebten in Indien 17 Prozent der Weltbevölkerung – aber sechzig Prozent all jener, die sich im Freien erleichterten. Bis heute haben weltweit sechs von zehn Menschen keinen Zugang zu einer sicheren und sauberen Toilette. Mehr als zwei Milliarden leben ohne funktionierende Wasserversorgung. Noch immer fließen achtzig Prozent der menschlichen Fäkalien ungefiltert in die Flüsse oder ins Meer. Diese Hygienemängel sind verantwortlich für den Großteil aller Fälle von Ruhr, Typhus, Cholera oder Hepatitis A.

In der indischen Stadt Nizamuddin sucht eine Frau nach einem ruhigen Ort
In der indischen Stadt Nizamuddin sucht eine Frau nach einem ruhigen Ort
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Allein in Indien gelten fünfzig Millionen Kinder als entwicklungsverzögert, weil sie ständig mit Infektionen zu kämpfen haben, die durch den Kontakt mit wurm- und virenverseuchten Exkrementen ausgelöst werden. Beim Nachhaltigkeitsziel (SDG) Nummer 6 ist die Welt also nicht auf Kurs. Bis 2030 soll der „Zugang zu einer angemessenen und gerechten Sanitärversorgung und Hygiene für alle“ erreicht und „der Notdurftverrichtung im Freien ein Ende gesetzt werden“ – „unter besonderer Beachtung der Bedürfnisse von Frauen und Mädchen und von Menschen in prekären Situationen“. Das „SDG 6“ ist mit vielen anderen Zielen der Agenda 2030 eng verknüpft. Die Versorgungsmängel treffen vor allem die Armen (Ziel Nr.1), ebenso die schwerwiegenden Folgen für Gesundheit (Nr.3) und Umwelt (Nr.14 und15).

Neu-Delhi: Vier junge Frauen stehen an, weil nur ein Klo funktioniert
Neu-Delhi: Vier junge Frauen stehen an, weil nur ein Klo funktioniert
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Die wuchernden Millionenstädte der Gegenwart und Zukunft sind ohne funktionierende Wasser- und Sanitärinfrastruktur nicht als lebenswerte Orte denkbar (Nr.11). Die UN-Nachhaltigkeitsziele 5 (Geschlechtergerechtigkeit) und 8 (Bildung) bleiben unerreichbar, wenn junge Frauen spätestens mit der ersten Regelblutung an der sanitären Versorgung verzweifeln. In Indien fehlen sie ab dem 12. Lebensjahr im Schnitt fünfzig Schultage im Jahr, wenn sie diese nicht gleich ganz verlassen. „Man muss sich nur den Zustand der Toilettenräume von öffentlichen Schulen ansehen, dann kann man genau sagen, welche Prioritäten das Land setzt“, schreibt die weit gereiste US-Fotografin Andrea Bruce zu den Bildern auf diesen Seiten. „Toiletten sind das wichtigste Thema unserer Zeit.“ Dabei gehe es nicht nur um die Gefahren für Umwelt und Gesundheit, sondern auch um Menschenwürde und Respekt.

Bewohner eines indischen Dorfes stimmen für den Bau von Toiletten
Bewohner eines indischen Dorfes stimmen für den Bau von Toiletten
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Ein funktionierendes Klo ist wie eine funktionierende kleine Welt. Während Bruce in Indien und Haiti fotografierte, lief die „Clean India“-Kampagne von Premierminister Narendra Modi gerade auf vollen Touren. Bis zum 2. Oktober 2019, dem 150. Geburtstag des Staatsgründers Mahatma Gandhi, sollten 111Millionen Toiletten und Latrinen errichtet sowie der Anteil der Distrikte im Land, in dem noch ins Freie gekotet wird, von siebzig Prozent auf null gebracht werden. „Toiletten statt Tempel“ zu bauen, hatte schon Gandhi empfohlen, aber erst der politisch durchaus umstrittene Modi wagte sich an das Thema. Es spiegelt seinen Ehrgeiz wider, Indien in eine moderne Supermacht zu verwandeln. Vom Zeitpunkt der Verkündung an erwähnte Modi das Toilettenbau-Programm in 35 seiner fünfzig Ansprachen an das indische Volk.

Schaubilder in Neu-Delhi zeigen, wie man die Klos benutzt
Schaubilder in Neu-Delhi zeigen, wie man die Klos benutzt
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Eine App dokumentierte die Fortschritte. Jeder Distrikt erhielt einen Spezialbeauftragten. Bei Aufklärungskampagnen in den Dörfern, wo vor allem die Männer an der Notwendigkeit des Programms zweifelten, wurde schon mal ein Haar durch Exkremente gezogen und dann in ein Glas Wasser getaucht – verbunden mit der Frage, ob man das denn jetzt noch trinken wolle. Zum Abschluss der landesweiten Schocktherapie gab es der Regierung zufolge in Indien angeblich keinen Distrikt mehr ohne ausreichende Sanitärversorgung. Eine Untersuchung der „India Sanitation Coalition“ und des Expertennetzwerks SuSanA („Sustainable Sanitation Alliance“) bezweifelt die Angaben, trotz deutlicher Verbesserungen. Viele Herausforderungen vor allem technischer und kultureller Art bestünden fort.

Ein Mann wäscht sich in einem Slum in Neu-Delhi
Ein Mann wäscht sich in einem Slum in Neu-Delhi
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Frauen kritisierten, dass sie sich die neuen öffentlichen Toiletten mit den Männern teilen mussten. Dazu kam die schlechte Beleuchtung, die Abgelegenheit der Orte sowie fehlende Möglichkeiten, Binden und Tampons zu entsorgen oder seine Kleider und Taschen an Haken aufzuhängen. Auf 114 Milliarden US-Dollar pro Jahr schätzt die Weltbank die Summe, die nötig wäre, um weltweit die Wasser- und Sanitärversorgung zu gewährleisten. Den Kosten steht jedoch das gewaltige Potenzial gegenüber, das in dieser Herausforderung steckt. Jeder hier investierte Dollar käme laut einer Studie von Boston Consulting durch eingesparte Gesundheits- und Umweltkosten fünffach zurück. Eine weitere besagt, dass man in Indien jährlich bis zu dreißig Milliarden Dollar mit der Verarbeitung menschlicher Exkremente verdienen könnte.

Ein Mädchen in einem Slum in Neu-Delhi – Durchfall hat es ausgezehrt
Ein Mädchen in einem Slum in Neu-Delhi – Durchfall hat es ausgezehrt
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Würde man etwa aus dem Fäkalschlamm Nährstoffe wie Phosphat, Stickstoff und Kalium als Dünger zurückgewinnen und mit Biogasanlagen Elektrizität und Wärme erzeugen, ließe sich „Tatti“ beinahe buchstäblich in Gold verwandeln, neue Arbeitsplätze inklusive. Nach heutigem Stand werden 47 Länder das Nachhaltigkeitsziel 6 nicht erreichen. „Es ist aber für viele Staaten auch nicht leicht“, erklärt Rebecca Jean Gilsdorf. Die US-Ingenieurin und Umweltexpertin hilft nach Aufgaben in Uganda, Ägypten und dem Südsudan gerade in Kinshasa, Kongo, beim Aufbau der Sanitär- und Wasserversorgung. Dabei arbeitet sie mit unterschiedlichen Behörden, Unternehmen, Bürgern und NGOs zusammen. Der Weltbank-Mitarbeiterin reicht es nicht, „einfach nur Toiletten aufzustellen“.

Kinder halten den giftigen Schaum im indischen Fluss Yamuna für Seife
Kinder halten den giftigen Schaum im indischen Fluss Yamuna für Seife
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Sie ist fasziniert von den vielfältigen Verwertungsmöglichkeiten für Fäkalien, von der kreativen Suche nach spezifischen Lösungen für die Gegebenheiten und Menschen vor Ort. Ihr Ideal ist eine Infrastruktur, die Hygiene, Wasserversorgung und den Gang zum Klo ganzheitlich denkt. „Ich kenne niemanden in meinem Alter, der schon so viele verschiedene Toiletten gesehen hat wie ich“, sagt die 31-Jährige und lacht. Und nach mancher Horror-Latrine, die Gilsdorf während ihrer Recherchen zu Gesicht bekommen hat, versteht sie die Menschen sogar, die lieber frühmorgens an den Strand gehen. Ach ja, die Geschichte von Keshav und Jaya, dem Brautpaar ohne Klo. Natürlich gibt es nach vielen Irrungen und Wirrungen – wie im Bollywood-Kino üblich – ein echtes Happy End.

Eine junge Mutter aus dem Dorf Peepli Khera geht mit ihrem Kind hinter die Böschung
Eine junge Mutter aus dem Dorf Peepli Khera geht mit ihrem Kind hinter die Böschung
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Nicht nur Jaya bekommt „ihre“ Toilette, sondern gleich das ganze Dorf. Frauenwünsche können in Indien also wirklich wahr werden, wenigstens im Film.

Weitere Geschichten können Sie in der Ausgabe 1.20 des Greenpeace Magazins „2030" lesen. In unserem Schwerpunkt betrachten wir die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, mit denen sich bis spätestens 2030 alles zum Besseren wenden soll. Ein Heft darüber, wie die „Transformation unserer Welt“ Wirklichkeit werden kann.