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Tropfen auf den heißen Stein

Greenpeace Magazin Ausgabe 6.18

Tropfen auf den heißen Stein

Text: Martin Theis Foto: Fabian Weiss

Jedes Jahr wüten in Russland Wald- und Torfbrände auf mehreren Millionen Hektar. Der Staat tut kaum etwas dagegen und spielt das Ausmaß der ökologischen Katastrophe herunter. Doch es gibt mutige Idealisten, die sich den Feuern entgegenstellen. Und der Gleichgültigkeit, die sie entfacht

Jura Kostenko, 22 Jahre alt, stämmige Statur und Baseballkappe auf dem Kopf, sitzt im Mittelgang eines Kleinbusses auf dem Gepäck und rappt die laut aufgedrehten Songs aus den russischen Charts mit. Die Sitze hat er den anderen überlassen. Ehrensache. Drei Stunden, nachdem er in einer Kirche noch rasch um Gottes Segen für den Einsatz gebetet hat, erreicht die Truppe ein Birkenwäldchen. Der Bus schaukelt über den Feldweg, dann wird er langsamer. Jura richtet sich auf, zeigt aus dem Fenster: „Dort, ein Torffeuer!“ Draußen zwischen den Stämmen zieht dichter Rauch über den Boden. Vor der Sowjetzeit waren hier, nahe Selenginsk in der sibirischen Region Transbaikalien, große Moorgebiete – bis die Menschen sie für Landwirtschaft und Torfabbau trockenlegten und den Feuern damit Nahrung verschafften.

Jura und seine Mitstreiter steigen aus und stapfen in einen Gespensterwald. Oben wirken die Birken noch grün und lebendig, unten ist die weiße Rinde schon verkohlt. Einige Bäume sind umgekippt, die Wurzeln nur noch schwarze Stumpen. Der Rauch beißt in Augen und Lunge. Jura zündet sich trotzdem eine Zigarette an.

Die Freiwilligen in den oliv-orangen Uniformen laden benzinbetriebene Wasserpumpen aus dem Bus, rollen Feuerwehrschläuche aus und verteilen ein Dutzend Schaufeln. Sie treiben Thermometerstangen in den Boden und messen die Temperatur, um abzuschätzen, wie weit sich die bis zu 500 Grad heiße Glut im Untergrund schon ausgebreitet hat. Dann beginnt der Kampf.

In Russland gehen jedes Jahr Millionen Hektar Wald und ausgetrocknete Moore in Flammen auf. Mit dem Klimawandel nehmen die Feuer zu – und Torfbrände sind dabei ein besonderes Problem. Sie können im Vergleich zu einem Waldbrand das Tausendfache an Rauch entwickeln, auch weil sie oft monatelang andauern – selbst starker Regen löscht sie nicht. Die Torfschichten sind über Jahrtausende aus abgestorbenen Pflanzen entstanden. Verbrennen sie, entweichen große Mengen des Treibhausgases CO2. Zudem bleibt der Rauch nah am Boden und zieht Hunderte Kilometer weit. Als vor acht Jahren die Moore um Moskau brannten, lag die Stadt wochenlang im Smog. Die Sterberate verdoppelte sich schlagartig.

Doch wenn nicht gerade die Hauptstadt betroffen ist, werden die Feuer von Behörden und Medien meist ignoriert. Deshalb organisieren sich immer mehr russische Bürger in Löschtrupps. So wie Juras Gruppe: Die Freiwilligen Feuerbekämpfer Transbaikal. Ihr Revier ist die Region östlich des berühmten Baikalsees.

Eine Woche vor ihrem Einsatz am Torffeuer stehen sie am Sandstrand des Baikalsees und eröffnen ein Trainingscamp. Andrey Borodin, der schlaksige Gründer der Freiwilligen Feuerbekämpfer Transbaikal, tritt ans Wasser. Er demonstriert das Ritual seiner indigenen burjatischen Ahnen, das die Geister dieses Ortes gnädig stimmen soll: eine Tasse mit Milch, den Ringfinger der linken Hand hineintunken, dann ein Tropfen in jede Himmelsrichtung. Den Rest – den ganzen! – in Richtung Sonne leeren, dabei nur positive Gedanken. Jura und die anderen tun es ihm gleich. Sie gehören zu der Generation, in die Andrey, 42 Jahre alt, seine Hoffnung setzt. Sind sie die Pioniere einer neuen russischen Zivilgesellschaft?

Es sind gut drei Dutzend Leute, Umweltschützer, Studierende und Freiwillige aus anderen Regionen, die meisten nicht einmal Mitte zwanzig. Sie alle hatten ihren eigenen, ganz persönlichen Weckruf, ein Ereignis, nach dem sie nicht mehr wegschauen wollten. „Ich habe vor zwei Jahren verstanden, dass wir uns nicht nur auf den Staat verlassen können“, sagt Andrey.

Damals brannte in Russland insgesamt eine Fläche von rund 85.000 Quadratkilometern ab, was ungefähr dem Staatsgebiet Österreichs entspricht. In seiner Heimatstadt Ulan-Ude, wo der Rauch von Frühling bis Herbst zur Wettervorhersage gehört wie Sonne oder Regen, konnte er nicht mal mehr bis zur anderen Straßenseite sehen. Sechs Wochen Smog.

Die Wald- und Torfbrände befördern die Versteppung der Taiga, bedrohen die Artenvielfalt der Tier- und Pflanzenwelt und belasten durch den Ascheregen die Gewässer. Ein vermeidbares Übel – denn für neun von zehn dieser Feuer sind Menschen verantwortlich. Sie setzen nach alter Sitte Grasland in Flammen, um den Boden fruchtbarer zu machen. Sie verbrennen ihren Müll, weil es keine geregelte Abfallversorgung gibt. Sie legen Feuer in Waldstücken, um einem größeren Brand vorzubeugen oder die verkohlten Bäume gegen eine niedrige Gebühr fällen zu dürfen. Und sie verlieren dabei oft die Kontrolle. Im Kampf gegen die Feuer ist Bildung genauso wichtig wie Wasser.

Andrey Borodin hat die feinen Glieder und die geschliffene Sprache eines Mannes, der es gewohnt ist, die Welt um sich herum mit einer Strategie und dem richtigen Netzwerk zu verändern. Er war PR-Mann bei einer Telefonfirma, Chef des städtischen Tourismusbüros und hat in einem Hotel die ersten Raves organisiert, als im postsowjetischen Ulan-Ude noch tote Hose war. Heute ist er hauptberuflich mit der Entwicklung Burjatiens betraut, einer Republik der Russischen Föderation. „Ich habe mich der Feuer angenommen, weil ich die einflussreichen Leute der Gegend gut kenne“, sagt er. Die müsse er auf seine Seite bringen – und das möglichst diplomatisch. Keine Behörde lässt sich gerne von einem Freiwilligen erklären, dass sie ihre Arbeit nicht richtig macht.

Das Trainingscamp ist straff organisiert. Die Freiwilligen Feuerbekämpfer Transbaikal kooperieren dafür mit den Aktivisten von Greenpeace Russland. Vertreter beider Gruppen leiten Lehr- und Praxiseinheiten exakt von 7.30 Uhr bis 21.30 Uhr. Pünktlichkeit ist angemahnt, ebenso wie das strikte Alkoholverbot und die Nachtruhe um 23 Uhr. Disziplin ist in der brennenden Taiga überlebenswichtig.

Andrey Borodin träumt von einem Schulungszentrum, das die landesweit verstreuten Helfer ausbildet und vernetzt. Ihr Engagement ist nicht selbstverständlich: In der Sowjetunion gab es keine solchen Graswurzelbewegungen, und in der Zeit danach waren die Menschen zunächst mit den Folgen der Wirtschaftskrise und sich selbst beschäftigt. Umweltschutz wird im modernen Russland im Zweifel recht nonchalant übergangen. „Noch immer können viele Menschen nicht verstehen, warum jemand so eine Arbeit erledigen sollte, ohne dafür bezahlt zu werden“, sagt Andrey. „Doch die Zeiten ändern sich auch hier.“

Nach den zerstörerischen Bränden 2016 fand er schnell Gleichgesinnte. Sie löschten erste kleine Feuer und halfen suchen, wenn mal wieder jemand beim Beerensammeln in der Taiga verschollen war. Sie gingen in Schulen, Dörfer und Universitäten, um mit den Menschen über das Feuer zu sprechen. Wie man es vermeidet. Wie man es löschen kann. Sie waren zu fünft – heute haben sie 150 Mitglieder.

Eines davon ist Jura Kostenko, der Rapper mit der Baseballkappe. Er bewegt sich mit der selbstgewissen Gelassenheit eines sibirischen Braunbären durch den Pinienwald, in dem die Trainingsgruppe ihre Zelte aufgeschlagen hat. Er blickt rauchend auf das Wasser, das sich bis zum Horizont erstreckt, beinahe wie ein Meer. Neben Rapmusik liebt Jura den lieben Gott und, ja, auch seine Heimat – obwohl er findet, dass die russische Politik sich nicht um die einfachen Leute schert. Um Leute wie ihn. Sonst hätte er doch längst einen bezahlten Job bekommen und die Chance, das zu tun, was er unbedingt will: helfen, retten, löschen. Er sah keine Perspektive – bis Andrey Borodin kam, der an der Universität Rettungsingenieurwesen studierte: „Er lud uns ein, mit ihm zu den Feuern zu fahren und zu lernen, wie man sie bekämpft.“ Jura und ein paar Freunde machten mit. Die Freunde blieben irgendwann zuhause. Jura hat das Gefühl, noch gebraucht zu werden.

Er liegt richtig. An professionellen Feuerbekämpfern fehlt es den staatlichen Stellen ebenso wie an Ausrüstung und Benzin für die Einsätze. Vielleicht fehlt es auch an Motivation: Die Regierung hat den Schutz russischer Wälder zugunsten der Wirtschaft gelockert und die Waldaufsicht auf die unvorbereiteten Regionalverwaltungen übertragen. In den ohnehin unterbesetzten Forstbehörden, die für die Brandbekämpfung zuständig sind, wurden auf einen Schlag 70.000 Stellen gestrichen. Die Feuer wurden aber nicht weniger – im Gegenteil.

Für Jura, bei den Freiwilligen Feuerbekämpfern Transbaikal bereits zum Leiter des Suchtrupps für Vermisste aufgestiegen, ist es daher so gut wie unmöglich, in seinem Bereich Arbeit zu finden. Wäre es anders, bräuchte es nicht so viele Freiwillige. Jura wohnt in einer Wohnung mit seiner Mutter, seinen Großeltern und zwei jüngeren Geschwistern. Das Geld ist knapp. Du brauchst bald einen richtigen Beruf, sagt seine Mutter, wenn er wieder in die Wälder fährt, um tagelang Feuer zu löschen oder Vermisste zu suchen. Das ist mein Beruf, Mama, sagt Jura dann.

Sieben Tage lang lernen die Freiwilligen in dem Camp am See, wie sich Feuer ausbreiten und wie sie Geld für Löschaktionen sammeln können. Nicht alle, die hier mitmachen, werden später Brände bekämpfen. Doch alle werden ihr Wissen weitergeben.

Dafür sorgt auch Ekatarina Grudinina. Die 36-Jährige hat das Camp schon Tage vor der Eröffnung mit aufgebaut, und sie hat geholfen es zu leiten, nachdem Andrey Borodin zu einer Konferenz nach Moskau aufgebrochen war. Sie hielt Vorträge und hat im Auftrag der Feldköchinnen immer wieder Verpflegung im nahen Dorf besorgt. Ekatarina ist harte Arbeit gewohnt. An den Schläfen unter ihrem gelben Kopftuch kräuseln sich die ersten grauen Haare. Sie ist IT-Beraterin, Kassiererin im Obstgeschäft, Mutter. Ihre Berufung aber ist der Kampf gegen das Feuer. Mittlerweile koordiniert sie für Greenpeace die freiwillige Feuerbekämpfung in Transbaikalien.

Ekatarina trommelt am Abend des letzten Camp-Tages eine Gruppe zusammen, die mit ihr am nächsten Tag in Richtung ihrer Heimatstadt Selenginsk aufbrechen soll, um dort ein Torffeuer zu löschen. „Smoketown“, raunt Jura, der natürlich dabei ist. Wie immer.

Am Morgen – und damit zurück zum Anfang dieser Geschichte – biegt Ekatarina zehn Kilometer von Selenginsk entfernt mit ihrem Lada von der Landstraße in einen Waldweg ein. Der Bus mit der lauten Rapmusik, in dem Jura auf dem Gepäck sitzt, folgt ihr. Als sie Rauch in dem Birkenwäldchen sieht, hält sie an und steigt aus. Jura und die anderen stapfen schon los. Bis zu tausend Liter Wasser sind nötig, um einen Quadratmeter Torffeuer zu löschen. Es hilft aber nicht, es einfach auf die Oberfläche zu spritzen. Du musst den Boden umrühren wie ein Frühstücksporridge, erklärt Jura, mindestens einen Meter tief, bis auch der letzte Klumpen in der Brühe verschwunden ist.

Die Freiwilligen Feuerbekämpfer treiben ihre Spaten und Schaufeln in den Boden, um alle Schichten zu durchdringen. Das Wasser aus einem nahegelegenen Kanal schießt aus den Schläuchen, und mit einem lauten Zischen steigen Dampfschwaden auf. Bald stehen sie bis zu den Schienbeinen im Matsch und arbeiten sich an der widerspenstigsten Art von Feuer ab. Nach fünf Stunden haben zwei Dutzend Menschen mit all ihrer Kraft etwa vierzig Quadratmeter gelöscht.

Ekatarina hat auf der anderen Seite des Kanals längst neue Brandherde entdeckt. Sie sind größer, und es sind viele. „Wir haben Leute, die sie löschen würden“, sagt sie. „Aber wir haben kein Geld mehr.“ Nach dem Feuerjahr 2016 bekamen die Feuerbekämpfer 1,5 Millionen Rubel von der Regierung Burjatiens, umgerechnet etwa 19.000 Euro. Es ging für Ausrüstung, Mietbusse, Benzin und Verpflegung drauf.

Das Verhältnis der Behörden zu den Freiwilligen ist gespalten. Wie politisch sind ihre Anliegen? Was ist die Agenda derer, die es wagen, den Staat zu kritisieren? Mit einem Gesetz will die Regierung die Gruppen dazu bringen, sich registrieren zu lassen. Sie bekämen dann Krankenversicherungen und finanzielle Unterstützung. Dafür müssten sie sich mit den Behörden abstimmen, Rechenschaft ablegen. Die Freiwilligen sind skeptisch: Wollen sie uns nur unter Kontrolle bringen? Müde steigt Ekatarina in ihren Lada. Sie freut sich auf ihren Sohn, auf ein richtiges Bett. Wie ein Schiff bei Wellengang schaukelt der Wagen über die löchrige Landstraße. Hinter ihr steigt Rauch auf.