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Wandel

Greenpeace Magazin Ausgabe 6.18

Wandel

Text: Bastian Henrichs und Katja Morgenthaler Foto: Christian Grund

Graeme Maxton, ehemaliger Ökonom und bis vor Kurzem Generalsekretär des Club of Rome, nimmt kein Blatt vor den Mund: Unpopuläre und radikale Entscheidungen seien nötig, wenn wir die Klimakrise überstehen wollen

Zürichs beste Wohngegend, ein bewachsenes Einfamilienhaus in einer Privatstraße. Graeme Maxton hat uns zu sich nach Hause eingeladen, er öffnet in Socken die Tür. Nach einigen Jahren in Hongkong ist Maxton 2014 mit seiner Familie hier eingezogen, zusammen mit vielen antiken Möbeln. Wir nehmen Platz an einem jahrhundertealten Tisch, der mit Untersetzern vor den Ringen geschont werden muss, die Wassergläser bisweilen hinterlassen. Vor dem Wohnzimmerfenster eröffnet sich ein von Nebel weich gezeichneter Blick über Stadt und Berge.

Herr Maxton, wir sitzen hier auf dem Zürichberg in einem der reichsten Länder der Erde. Wenn es nach Ihnen ginge, wie lange könnten Sie Ihren Lebensstandard noch beibehalten?
Das Leben in der Schweiz ist nicht nachhaltig, das ist mir klar. Wir müssen uns einschränken, aber es spricht nichts gegen einen guten Lebensstandard.

In Ihrem neuen Buch „Change!“ klingt das anders. Sie warnen vor den Folgen für die Menschheit, wenn es nicht gelingt, radikal umzusteuern. Ist der Mensch eine gefährdete Art?
Ja. Wenn wir in den nächsten Jahren den Trend nicht umkehren, können wir nicht mehr verhindern, dass die Erderwärmung uns in absehbarer Zeit klimatisch vierzig Millionen Jahre zurückkatapultiert, in eine Zeit, in der die Erde für Menschen kein lebenswerter Ort gewesen wäre. Unsere Kinder und Enkel werden um Wasser, Ressourcen und bewohnbare Flecken der Erde kämpfen. Stürme, wie wir sie kennen, sind nichts gegen das, was kommen wird. Es ist eine Zukunft, in der – wie Deutschlands bekanntester Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber sagt – nur noch etwa eine Milliarde Menschen auf der Erde leben könnten.

Worin besteht der Wandel, den Sie fordern?
Wir müssen die Klimagase, die wir in die Atmosphäre blasen, drastisch senken, und das sehr schnell. Wir müssen in erneuerbare Energien investieren, alle klimaschädlichen Kraftwerke schließen und akzeptieren, dass sämtliche Kohle und alles Öl in der Erde bleiben müssen. Wir sollten privat kein Auto mehr fahren, es darf keine Billigflüge und keine Flüge unter tausend Kilometern mehr geben, keine Plastikverpackungen, vermutlich können wir nicht mal mehr Urlaub in Asien machen. All das wird ohne Gesetze nicht passieren. Deshalb müssen wir die Regierungen der Welt dabei unterstützen, die Regeln zu ändern.

Wie soll das funktionieren?
Dass wir keine globale Regierung haben, ist ein riesiges Problem. Ich arbeite so viel wie möglich mit den Vereinten Nationen zusammen. So schwach sie sind, sind sie doch die einzige Art globaler Regierung, die wir haben, der einzige Hebel, über den wir Druck aufbauen können. Und wir können Vorbilder schaffen.

Taugt Deutschland als Vorbild? Im Moment ist die Bundeskanzlerin nicht mal bereit, den Kohleabbau schnellstmöglich zu beenden.
Wir brauchen jemanden, der den Mut hat – und vielleicht hat Frau Merkel ja den Mut – zu sagen: „Es reicht! Wir müssen die Kohleindustrie schließen, wegen des Klimas. Und all die Leute, die ihre Jobs verlieren, werden wir absichern und ihnen beim beruflichen Umstieg helfen.“ Die Leute müssen begreifen, dass dieser Schritt notwendig ist, dass vieles, was sie bislang als selbstverständlich empfunden haben, infrage gestellt wird. Zum Beispiel die Idee, dass diese Unternehmen ein Recht haben, zu produzieren.

Das wird schwer.
Absolut. Ich sage nicht, dass es einfach wird. Aber wir müssen irgendwo anfangen. Große Umbrüche wie die Französische oder Russische Revolution sind auch nicht plötzlich geschehen. Es braucht gar nicht hundert Prozent, die sagen: Wir wollen die Welt verändern. Es reichen zwanzig, dreißig Prozent. Dann ist genug Druck da für den Wandel, dann kommt das System ins Rutschen.

Warum ist es so schwierig für die Politik, radikale Entscheidungen zu treffen?
Wenn Frau Merkel heute beschließt, die Kohleindustrie stillzulegen, wird sich der Klimawandel trotzdem zwanzig Jahre lang weiter verschlimmern. So eine Entscheidung erfordert große Führungskraft und langfristiges Denken. Außerdem wird es teuer. Und für einen Politiker, der wiedergewählt werden möchte, ist das ausschlaggebend. Dabei ist es völlig egal, was es kosten würde. Geld spielt keine Rolle, Geld ist nicht real. Wir drucken Milliarden und Abermilliarden Dollar, Yen und Euros, um die Banken zu retten. Das Geld könnten wir anders verwenden.

In Ihrem Buch kritisieren Sie das demokratische System als nicht besonders geeignet, um die nötige Transformation herbeizuführen.
Ich weiß, dass das sehr umstritten ist, insbesondere in Europa und in Deutschland. Das hat aber auch mit dem Zeitgeist zu tun. Es ist die Sicht der letzten hundert Jahre, dass Demokratie der beste Weg ist, ein Land zu regieren. Die Wahrheit ist aber auch, dass ein Land wie China die Veränderungen, die wir brauchen, schneller umsetzen kann. Ich komme aus einer stolzen sozialdemokratischen Familie, mein Großonkel war einer der Gründer der schottischen Arbeiterpartei. Mir fällt es schwer zu sagen, dass die Demokratie an dieser Stelle versagt. Es ist aber Fakt, dass sie ein riesiges Hindernis ist, wenn man große Veränderungen in kurzer Zeit durchsetzen muss. Wir sollten darüber nachdenken, ob es nicht bessere Wege gibt, Gesellschaften zu regieren.

Schlagen Sie eine Ökodiktatur vor, ein System, in dem alles dem Kampf gegen den Klimawandel untergeordnet ist?
Ich schlage selbstverständlich keine Diktatur irgendeiner Art vor. Ich schlage vor, dass wir – ähnlich wie in der frühen griechischen Demokratie – gut ausgebildete und informierte Menschen haben, eine Art technokratischer Führung, die schwierige Entscheidungen im Interesse aller trifft.

Müssen wir uns darauf einstellen, in einer transformierten Gesellschaft an Freiheit einzubüßen?
Zur Zeit der Aufklärung war Freiheit nicht als extremer Individualismus definiert, so wie sie heute oft aufgefasst wird. Freiheit geht einher mit einer großen Verantwortung gegenüber anderen Menschen, gegenüber dem Rest der Gesellschaft. Jeder ist frei zu tun, was er will, solange er nicht andere verletzt. Wir sind soziale Wesen. Wir müssen den Menschen klarmachen, dass nicht jeder tun kann, was er will.

Wenn nicht jeder tun darf, was er will, was sollte denn jeder Einzelne tun?
Ich bekomme, wenn ich Vorträge halte, jedes Mal die Frage gestellt: Was kann ich persönlich tun? Recyceln? Vegan leben? Das fällt leider alles kaum ins Gewicht. Selbst wenn achtzig Millionen Deutsche das Richtige tun sollten, sähe unsere Zukunft düster aus. Leider. Und selbst wenn fünfhundert Millionen Europäer kein Fleisch mehr essen, machen es doch von Tag zu Tag mehr Chinesen und Inder. Natürlich ist es ein Anfang und schon allein deshalb positiv, weil es etwas ins Rollen bringt. Wichtiger ist es aber, dass wir uns zusammenschließen, die richtigen Leute wählen und in den Konsumentenstreik treten.

Können grünes Wachstum oder nachhaltiger Konsum Teil der Lösung sein?
Nicht mehr. Die Nachhaltigkeitsszene hat zwar viele tolle Ideen, wir haben aber den richtigen Moment verschlafen. Hätten wir in den Siebzigerjahren
konsequent angefangen, gute Ideen umzusetzen, hätte es funktionieren können. Jetzt ist es zu spät.

Also bleibt nur der Konsumverzicht?
In der reichen Welt besteht die Wirtschaft zu siebzig Prozent aus Konsum. Wir kaufen ständig Dinge, die wir nicht brauchen. Es ist technisch möglich, Produkte länger haltbar, einfacher reparierbar und besser recycelbar zu machen. Aber wir lassen uns weismachen, dass wir ständig kaufen müssen, dass wir arm sind, wenn wir kein neues Handy oder Auto haben. Das Wirtschaftssystem ist ein Glaubenssystem, eine Religion. Wenn aber alle Deutschen in Zukunft nur zehn Prozent weniger kaufen würden, hätte das schon einen Effekt. Die großen Firmen würden verstehen, dass sie etwas falsch machen.

Was Sie proklamieren, ist gegen die Überzeugung vieler Ökonomen.
Wenn ich mit meinen ehemaligen Kollegen spreche und ihnen sage, dass wir in den letzten 140 Jahren ein System gefördert haben, das grundsätzlich falsch ist, dann wollen sie das nicht hören. Niemand gibt gern zu, dass er die letzten dreißig Jahre falsch gelegen hat, dass er sein Leben an einen Irrglauben verschwendet hat. Ich habe vor Kurzem jemanden getroffen, dessen Job es ist, die Kohleindustrie in den USA zu verteidigen. Er steht jeden Morgen auf und sagt sich: Kohle ist super. Er glaubt daran. Er lügt jeden an, der es hören will – und wird dafür bezahlt.

Sie waren auch mal Teil des Systems. Was hat Sie zum Umdenken bewogen?
Als ich in Hongkong gelebt und gearbeitet habe, bin ich viel durch Südostasien und China gereist. Ich sah all die negativen Effekte des Wachstums: verschmutzte Flüsse, die schlechte Luft, bettelnde Kinder und wenige Menschen, die unglaublich reich wurden. Ich sah, dass dieses Bild nicht dem entsprach, was die Ökonomen erzählten. Daraufhin schrieb ich „Die Wachstumslüge“. Es war ein langer, schwieriger Prozess. Wer sich dem aussetzt, kann aber nur zu dem Schluss kommen, dass wir alles falsch gemacht haben.

Wie sieht eine Wirtschaft ohne Wachstum aus?
Teil des Problems ist, dass wir uns eine Welt, die nicht auf nutzlosem Zeug basiert, nicht mehr vorstellen können. Das müssen wir aber. Ich muss manchmal an
Star Trek denken: Jean-Luc Picard und seine Crew haben kein Geld, dafür aber eine sehr ausgeglichene Gesellschaft, jeder hat seine Rolle. Sie erwerben nichts, stattdessen verbringen sie ihre Zeit mit Forschung, Bildung, Lehre – und sie haben ein gutes Leben. Wir können uns auch intellektuell entwickeln, unser akademisches System, wir können uns medizinisch weiterentwickeln, religiös, sportlich, kulturell. Wir können eine sehr glückliche und zufriedene Existenz aufbauen ohne Wachstum und ausuferndem Konsum. Stattdessen leben wir in einer Gesellschaft, die auf Geld basiert. Ich weiß, es klingt verrückt, aber solche fundamentalen Dinge gilt es zu hinterfragen.

Stellen Sie sich vor, wir schaffen den Wandel. Wie sieht Ihr Leben dann aus, hier auf Ihrer persönlichen Enterprise?
Sehen Sie sich um, nichts von dem, was hier rumsteht, ist neu. Das sind alles alte Möbel, teilweise vierhundert Jahre alt. Das macht es leicht mit der Inneneinrichtung. Größere Schwierigkeiten werden wir mit dem Wetter haben, mit Nahrung und dem Zugang zu Wasser, selbst hier in der Schweiz. Schon diesen Sommer gab es nicht genug Wasser für die Kühe in den Bergen. Migration wird eines der größten Probleme. Die Menschen werden dorthin gehen, wo es sich noch einigermaßen sicher leben lässt.

Was können wir als Individuen tun?
Tun Sie sich mit anderen zusammen, helfen Sie anderen, die Notwendigkeit für Veränderungen zu verstehen. Wählen Sie Politiker, die die Probleme erkannt haben. Kaufen Sie weniger Zeug! Und bleiben Sie optimistisch, auch wenn es schwerfällt.

Wie machen Sie das selbst?
Indem ich genau das tue: mit Menschen zusammen an den Problemen arbeiten. Das gibt mir ein Gefühl von Hoffnung.

Kritiker des Wirtschaftssystems
Graeme Maxton,
58, arbeitete jahrelang in der Finanzwelt. Heute schreibt er wachstumskritische Bücher. Das neue, „Change!“ erscheint am 8. Oktober bei Komplett-Media