Fokus

Wem gehört der Brokkoli?

Eine Landwirtin kämpft für ihr Recht auf eigene Sorten.
Ein Portrait aus dem Greenpeace Magazin

Die Biolandwirtin Maria Bienert kämpft dafür, dass Bauern weiter eigene Sorten züchten dürfen
Die Biolandwirtin Maria Bienert kämpft dafür, dass Bauern weiter eigene Sorten züchten dürfen
Fokus
1 / 8

Wem gehört der Brokkoli?

Eine Landwirtin kämpft für ihr Recht auf eigene Sorten.
Ein Portrait aus dem Greenpeace Magazin

Text: Karl Grünberg
Fotos: Monika Keiler

Die Biolandwirtin Maria Bienert kämpft dafür, dass Bauern weiter eigene Sorten züchten dürfen
Die Biolandwirtin Maria Bienert kämpft dafür, dass Bauern weiter eigene Sorten züchten dürfen

 

 „Saatgut ist Kulturgut“, sagt Maria Bienert und legt sich mit Agrarkonzernen und dem Patentrecht an. Wir haben die Biolandwirtin in der Ausgabe 4.19 „Gewissensbisse" des Greenpeace Magazins begleitet.

Die kleinen weißen Blüten blinken wie Sterne an einem grünen Nachthimmel. Aber Maria Bienert hat jetzt keine Augen für die schlichte Schönheit des Posteleins, eines zarten Wintersalats, frisch im Geschmack. Dreimal hat sie ihn geerntet, jetzt muss er raus. Doch an diesem Dienstag im April dauert alles viel zu lange, geht alles schief. Der Traktor zickt, die neuen Helfer brauchen für jeden Handgriff eine Erklärung, und irgendjemand hat die Sense eingedellt. Während die anderen Mittagspause machen, bringt die Gemüsebäuerin die Sense trotz Delle zum Singen. Jammern bringt ja nichts. Was geschafft werden muss, muss geschafft werden. Schwung um Schwung. Kopf um Kopf. Stiele knicken. Stängel fallen. Hier in der letzten Reihe ihrer riesigen Gewächshalle ackert sie vor sich hin.

Kurz hält sie inne, zeigt auf den zarten Salat, der da unter ihren schweren Arbeitsstiefeln zerbricht, und sagt: „Von eigenem Saatgut. Im nächsten Winter darf es wieder wachsen.“ Das ist ihr wichtig. Alles, was sie selber verantworten kann, nimmt sie in die eigene Hand. Die Qualität des Bodens, der hohe Anteil an Humus, der Verzicht auf Pestizide und künstlichen Dünger, das kann sie beeinflussen. Auch bei den Samen versucht sie, ihre eigene Herrin zu bleiben. Doch das ist komplizierter. Bei Samen geht es um Macht, um Marktanteile und um viele Milliarden Euro, die nur noch die großen Saatgutplayer unter sich aufteilen: DuPont-Dow, ChemChina-Syngenta und Bayer-Monsanto. Weltweit halten sie sechzig Prozent Marktanteil bei kommerziellem Saatgut, in Europa kommen im Gemüseanbau 95 Prozent aller Sorten und Samen von ihnen.

Sortenschutz und Patente machen den Zugang zu neu gezüchteten Gemüsesorten für Landwirte teuer
Sortenschutz und Patente machen den Zugang zu neu gezüchteten Gemüsesorten für Landwirte teuer
2 / 8

Je stärker die Weltbevölkerung wächst, je weniger Anbaufläche zur Verfügung steht, desto wichtiger wird die Frage nach der Zukunft der Ernährung und damit auch der Kampf um die Samen. Samenfest oder hybrid? Gentechnisch verändert oder wieder mehr alte Sorten? Lizenziert, patentiert, sortengeschützt oder für alle frei erhältlich? Das sind die Fronten im Streit zwischen Saatgutschützern und Konzernen, und Maria Bienert steckt mittendrin. „Boden ist Leben, doch mit den Samen fängt alles an“, sagt sie.

Wem gehören also die Tomate, der Brokkoli, die Mohrrübe? Könnte man aus ihnen neue Samen gewinnen und selbst neue Pflanzen großziehen? Wenn man es könnte, dürfte man überhaupt? Diese großen Fragen werden auch hier auf dem kleinen Bauernhof verhandelt. Maria Bienert ist Biolandwirtin in Taucha bei Leipzig, seit zwanzig Jahren schon. Von Demeter zertifiziert, mehr Bio geht kaum. Mit ihrem Mann teilt sie sich einen Hof, von dem sie zwölf Hektar beackert. Kartoffeln, Möhren, Gurken, Rote Bete, Petersilie, Tomaten, Sellerie, Postelein, Paprika, Feldsalat, Dinkel, Weizen und dazwischen Luzerne als Gründünger. Jede der Pflanzen hat ihre eigenen Zeiten und Besonderheiten. Sie sind es, die den Takt bestimmen, mit dem Bienert durch die Jahre geht. Zudem vermehrt sie Saatgut, deshalb die Kresse hier und die zwei lange Reihen Zwiebeln dort. Deren Samen bekommt der ökologische Händler Bingenheimer Saatgut. Wenn Maria Bienert über den Hof stapft in ihrer dicken blauen Arbeitsjacke mit ihrer großen Brille, wirkt sie robust und kantig.

Der mechanische Kartoffelsetzer platziert Knolle um Knolle einzeln auf dem Boden und häuft Erde drüber
Der mechanische Kartoffelsetzer platziert Knolle um Knolle einzeln auf dem Boden und häuft Erde drüber
3 / 8

Wenn sie Anweisungen gibt, wenn sie mal lobend und mit weicher Stimme spricht, dann wieder strenger und bestimmend, merkt man ihr die jahrzehntelange Erfahrung als Chefin an. Motivieren, aber auch sagen, wo es langgeht. „Früher“, sagt sie, „hatte jeder Bauer seine eigenen Samen, seine eigenen Sorten. Auch ich habe in meiner Meisterausbildung in den Niederlanden gelernt, wie man Samen gewinnt. Doch bei den meisten Landwirten und Gemüsebauern spielt das heute keine Rolle mehr.“ Bei Maria Bienert ist das anders. Ihre Möhre ist zum Beispiel eine eigene samenfeste Hofsorte.

Ihren Ursprung hat sie in der Sorte Rodelika, die Bienert seit Jahren auf guten Geschmack, auf das Äußere und die Anpassung an ihren Boden selektiert. Samenfest heißt, dass aus den Samen auch eine nächste Generation Möhren wachsen kann. Selektieren heißt, dass Bienert nach der Ernte am Förderband steht und die schönsten aus 10.000 Möhren herausnimmt. Schön heißt, dass sie gerade gewachsen sind, nicht aufgeplatzt, nicht zu groß und nicht zu klein. Von den Auserwählten schneidet sie ein Stück ab, probiert und behält sie, wenn sie besonders süß und aromatisch sind. Negative Massenauslese heißt das. Diese besten der Rodelika-Möhren werden eingelagert und im Frühjahr noch mal im Gewächshaus eingepflanzt. Wochen vergehen, bis die Möhre endlich blüht. Nach und nach schneidet Maria Bienert dann die Dolden ab, so nennt man die Blütenköpfe, darin stecken die Samen, die noch herausklamüsert und gereinigt werden müssen. Ähnlich macht sie es mit Gurken, mit Paprika, mit Kürbis.

So klein, so relevant: Boden ist Leben, sagt Maria Bienert, doch mit den Samen fängt alles an
So klein, so relevant: Boden ist Leben, sagt Maria Bienert, doch mit den Samen fängt alles an
4 / 8

„Über die Jahre hat sich mein Saatgut, haben sich meine Pflanzen an meinen Boden und damit an das heiße, trockene Klima in Sachsen gewöhnt.“ Was sie mache, sei wirklich nichts Besonderes, betont Bienert, das könne jeder. Nur beim Grünkohl nicht mehr. Da kommen neuerdings die Rapskäfer und fressen die Pollen weg. Also muss sie Samen von der Küste bestellen, da weht so viel Wind, dass die Käfer keine Chance haben. Ob eigenes Saatgut oder dazugekauft, Maria Bienert hat nur samenfeste Sorten in ihrem Boden.

Einzig ihre Tomaten sind eine Hybridsorte, die sie jedes Jahr neu kaufen muss. Hybridsorten werden auch Hochleistungssaatgut genannt. Dabei werden bei zwei Elternlinien über Generationen hinweg die besten Eigenschaften herausgearbeitet, während die unerwünschten Eigenschaften in den Hintergrund treten. Hybridsaatgut kreuzt die beiden auf Perfektion gezüchteten Elternlinien. Seit den Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts weltweit entwickelt, hat es in den Sechzigern maßgeblich zur sogenannten Grünen Revolution in damaligen Entwicklungsländern wie Indien und Pakistan beigetragen. Hier haben neues Saatgut, neue Anbaumethoden und Pestizide zu hohen Ernten geführt und den Hunger und die Kindersterblichkeit zurückgedrängt. Gleichzeitig waren und sind die Umweltschäden katastrophal, die Böden wurden verseucht. Hybrides Saatgut soll viel Ertrag bei gleichen Produkteigenschaften erzielen.

In ihrer Gewächshalle verzichtet die Biolandwirtin auf Pestizide und künstlichen Dünger
In ihrer Gewächshalle verzichtet die Biolandwirtin auf Pestizide und künstlichen Dünger
5 / 8

Sprich: Alles Gemüse sieht annähernd identisch aus, was in der industriellen und damit der maschinengerechten Landwirtschaft durchaus praktisch ist. Der von Monsanto gezüchtete Brokkoli zum Beispiel: Er ist besonders langstielig, weswegen der Kopf leicht geerntet werden kann. Alle Pflanzen sind zur selben Zeit reif, deshalb können sie auf einmal geerntet werden. Der Nachteil der hybriden Sorten: Ihre Samen müssen jedes Jahr von Neuem eingekauft werden, da der Ertrag schon in der zweiten Generation stark nachlässt.

Hybridsorten sind Saatgutvarianten mit eingebautem Nachbauschutz. „So wächst die Abhängigkeit der Bauern vom Hersteller. Was ist, wenn dieser die Preise erhöht? Was ist, wenn dieser die Sorte einfach aus dem Programm nimmt?“, fragt Maria Bienert. Für ihre Tomaten macht sie eine Ausnahme. Sie hat schon so viel ausprobiert, auch selber selektiert, diese Sorte ist einfach diejenige, die auf ihrem Boden und in ihrem Gewächshaus am besten schmeckt. Eine weitere Folge der Hybrid-Dominanz: Die Vielfalt schwindet. So sind in den vergangenen hundert Jahren circa 75 Prozent der früher landwirtschaftlich genutzten Arten verloren gegangen, hat die Welternährungsorganisation FAO der Vereinten Nationen gezählt. Wem gehören nun Karotte, Salat und Brokkoli? Von Letzterem stehen reichlich Jungpflanzen vor dem Gewächshaus und warten darauf, eingepflanzt zu werden. „Niemandem“, sagt Maria Bienert, „denn Saatgut ist Kulturgut und das sollte frei sein.“ Das ist die einfache Variante.

Biolandwirte weltweit teilen gewisse Charaktereigenschaften, meint Maria Bienert – sie selbst eingeschlossen
Biolandwirte weltweit teilen gewisse Charaktereigenschaften, meint Maria Bienert – sie selbst eingeschlossen
6 / 8

Tatsächlich ist es viel komplizierter. Da ist das Patentrecht. Die Agrarkonzerne forschen auch an gentechnisch veränderten Sorten. Sobald eine davon marktreif wird, melden sie für diese neue Sorte, aber auch für den Effekt – etwa Resistenzen gegen Schädlinge – ein Patent an. Mit dem Patent gehören ihnen die Pflanzen, eventuelle Untersorten und teilweise die dazugehörigen Verarbeitungsprozesse. Jeder, der sie anbauen möchte, muss dafür bezahlen. Schon das ist umstritten. Noch strittiger ist die Frage, ob auch Pflanzen patentiert werden dürfen, die nicht gentechnisch hergestellt, sondern auf konventionelle Art gezüchtet wurden. Das Europäische Parlament und zahlreiche Organisationen sprechen sich dagegen aus, trotzdem vergibt das EU-Patentamt auch solche Patente.

Aktuell auf einen Salat aus den Niederlanden, der bei höheren Temperaturen besser keimt und deshalb vielleicht besser mit dem Klimawandel zurechtkommen soll. Patentiert sind dabei nicht nur der Salat und die Untersorten, sondern eben auch dieser Effekt. Der allerdings lasse sich auch bei wilden Salatsorten entdecken, wie die Organisation „No Patents on Seeds“ kritisiert. Dann gibt es noch den Sortenschutz. Hat ein Zuchtbetrieb eine neue Sorte gezüchtet, lässt er sie zertifizieren. Damit gehört diese neue Sorte ihm. Wer sie anbauen oder aus ihr für den eigenen Anbau neue Samen gewinnen möchte, bezahlt dafür Geld. Trotzdem dürfen andere Züchter mit dieser neuen Sorte arbeiten, sie kreuzen und aus ihr wiederum neue Sorten entstehen lassen.

Sieht aus wie Potpourri, sind aber getrocknete Blüten, die Samen enthalten
Sieht aus wie Potpourri, sind aber getrocknete Blüten, die Samen enthalten
7 / 8

Nach einer Patentierung geht das nicht mehr. Nicht zuletzt gibt es noch Menschen wie Maria Bienert, die Mitglied bei Kultursaat e.V. ist. Der Verein sammelt Spenden und Forschungsgelder ein. Die gehen an Züchter, die neue Varianten ziehen und ins EU-Sortenregister aufnehmen lassen, 118 Sorten bislang. Der Unterschied: Sie melden weder Sortenschutz noch Patent an. Jeder darf zum Beispiel Bienerts Rodelika-Möhre einpflanzen, daraus Samen gewinnen und wiederum anbauen. Stopp. Traktor anhalten. Das Rohr klemmt schon wieder. Der Boden ist zu uneben. Die drei Jungs müssen runter vom Kartoffelsetzer, der langsam über die Scholle gezogen wird.

Maria Bienert schwingt sich vom Traktorsitz, rüttelt und schüttelt an der Maschine, verstellt ein paar Schrauben. Jetzt müsste es gehen, wenigstens noch die nächsten Meter, die nächsten Reihen. Die Bäuerin stemmt die Hände in die Hüfte, schaut hinter sich, die Meter und Reihen, die sie schon geschafft haben. Schaut nach vorne, die Reihen, die noch dran sind. „Los, Jungs, weiter geht’s!“ Es quietscht und tuckert, und mit jedem Klack fliegt eine Kartoffel durch das Rohr auf den Boden, die Setzmaschine häuft noch Erde drüber, schon kommt die nächste Knolle geflogen. Alles läuft mechanisch. Im Gegensatz zu moderneren Maschinen wird die Erde nicht pulverfein zerbröselt, nicht angepresst oder aufgerissen. „Das dauert länger, doch der Boden bleibt locker und intakt. So können die Wurzeln das Erdreich besser durchdringen und die Pflanze bleibt gesünder“, erklärt Maria Bienert. „Simpel, dafür muss man nicht studiert haben.“

Auf ihrem Demeter-Hof bei Leipzig beackert Maria Bienert zwölf Hektar – etwa mit Roter Bete
Auf ihrem Demeter-Hof bei Leipzig beackert Maria Bienert zwölf Hektar – etwa mit Roter Bete
8 / 8

Ob es einen Moment gibt, an dem sie zufrieden ist? „Nein“, sagt sie, „es gibt ja immer etwas zu tun, immer eine Entwicklung, immer Luft nach oben. Wie kann ich den Boden verbessern oder mein Saatgut besser selektieren? Wie das Problem mit der Bewässerung lösen?“ Maria Bienert ist Gemüsebäuerin geworden, weil sie sinnlose Arbeit vermeiden wollte. Und was ist sinnvoller, als sich um das zu kümmern, was alle brauchen?

Nach ihrer Lehre in den Niederlanden zog sie drei weitere Jahre um die Welt, von Biobauernhof zu Biobauernhof, hat mitgearbeitet, Verantwortung übernommen, gelernt. In Brasilien, in Kalifornien, auf Hawaii, in Neuseeland, wo sie ein Jahr Kühe gemolken hat, in Australien und in Japan. „Biobauern sind überall gleich“, sagt sie, „eigenwillige Querköpfe, aufgeschlossen und aufgeweckt.“ Worin zeigt sich ihre Eigenwilligkeit? Sie nimmt eine Tüte mit ihren eigenen Calendula-Samen in die Hand. Die Ringelblumen sät sie an ihren Feldrändern. Warum? „Das ist die Frage. Mache ich es für die Bienen? Ernte ich sie? Mich nervt es, dass wir Menschen alles einem Nutzen unterziehen müssen. Ich mache es, weil es schön aussieht.“ 

Weitere Geschichten können Sie in der aktuellen Ausgabe des Greenpeace Magazins 4.19 „Gewissensbisse“ lesen. Unser Schwerpunkt thematisiert Bio-Trends, Veganismus, Laborfleisch und die große Sehnsucht nach Essen ohne Schuld.