Guten Abend,

erstaunlich, welche Wirkung so ein selbstgemaltes Protestplakat entfalten kann. Sehr schön zu sehen etwa am Abend der Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen, als eine junge Frau namens Hanna, auf den Schultern ihres Freundes Mortimer sitzend, ein solches draußen vor der großen Glasfront des Potsdamer ZDF-Studios hochhielt, wann immer drinnen ein AfD-Vertreter interviewt wurde. Auf dem Schild stand, gut lesbar für Millionen Fernsehzuschauer: „Rassisten sind keine Alternative“.

Auch bei Greta Thunberg hat es mit einem Schild angefangen. „Skolstrejk för klimatet“ (Schulstreik fürs Klima) stand drauf, als sie sich am 20. August letzten Jahres auf den Stufen vor dem schwedischen Parlament in Stockholm niederließ, bis zur Wahl am 9. September täglich, danach nur noch freitags.

Sie selbst hat wohl kaum damit gerechnet, dass ihr Protest so eine Dynamik entwickeln würde. Der ungewöhnlich heiße Sommer 2018 und die Waldbrände in Schweden dürften dazu beigetragen haben. Greta bekam immer wieder Gesellschaft von anderen Kindern und Jugendlichen, aber auch Erwachsene setzten sich zu ihr. Abgeordnete kamen vorbei, um sich mit ihr zu unterhalten, Medien berichteten, erst in Schweden, dann auch international.

Der Rest ist bekannt: Es entstand eine weltweite Protestbewegung namens „Fridays for Future“, Regierungen und Parlamente setzten das Klima ganz oben auf die Tagesordnung, sofern die Staatschefs nicht Trump oder Bolsonaro hießen, und spätestens nach ihrer Rede bei der UN-Klimakonferenz im polnischen Katowice im Dezember wurde Greta Thunberg zur Ikone. Sie sprach in Davos, wo sie bei Minusgraden im Zelt kampierte, vor dem Weltwirtschaftsforum, traf den Papst, wurde für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen, trat vor die französischen Nationalversammlung und nahm in vielen Ländern an Demos der Fridays for Future teil. Der kürzlich verstorbene weltberühmte Fotograf Peter Lindbergh lichtete sie zuletzt für den Titel der Septemberausgabe der britischen Vogue ab.

Ein ziemlicher Hype, klar, und das rief natürlich umgehend Kritiker, Nörgler und Klimaleugner auf den Plan, meist in Gestalt älterer, rechtsgestrickter, wütender weißer Männer: Die junge Aktivistin sei eine Marionette oder eine Fanatikerin, launisch, arrogant und, auf Gretas Asperger-Syndrom anspielend, gestört, und die Erwachsenen sollten sie gefälligst zu einer braven angepassten Schülerin zurechtbiegen. Als die überzeugte Nichtfliegerin (seit 2015) sich anschickte, mit einem Boot den Atlantik zu überqueren, wünschte sich einer gar, ein schwerer Sturm möge das Boot zerstören, andere rechneten haarklein vor, wie schlecht die Ökobilanz dieser Seereise sei. Oh, Entschuldigung! Nächstes Mal wird sie sicher ein Holzfloß zimmern und über den Atlantik rudern.

Die Verbreiter dieser ungenießbaren Brühe aus Besserwisserei, Chauvinismus, Rassismus, Nationalismus und Frauenfeindlichkeit erscheinen besonders gern auf der Bildfläche, wenn sie ihren Hass über junge Frauen auskippen können – das geht von scharfer Kritik über Hetze und Drohungen in den „sozialen“ Medien bis hin zu Mordanschlägen. Die demokratische US-Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez, die deutsche Kapitänin Carola Rackete und die pakistanische Bildungsaktivistin Malala Jousafzai können ein Lied davon singen. Man wünscht sich, die Berufshasser würden zu Hause irgendein Möbelstück angrummeln, einen Punchingball misshandeln und vor allem einfach mal die Klappe halten, wenn sie nichts Substanzielles zu sagen haben. Leute, Eure Einstellungen – die Forschungen zufolge viel mit der Furcht tun haben, eine privilegierte Stellung zu verlieren und sich auf neue (Macht-)Verhältnisse einstellen zu müssen – sind sowas von überholt!

Wir, das heißt Sie und ich, haben jetzt aber weder Zeit noch Lust, uns länger damit aufzuhalten. Denn für nächsten Freitag, den 20. September, rufen Fridays for Future und ein breites Bündnis von Gruppen, Verbänden, Firmen und Organisationen zum weltweiten Klimastreik auf, und zwar nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern uns alle. Am 20.9. tagt in Berlin nämlich auch das Klimakabinett, und vom 21. bis 23.9. findet in New York der UN-Klimagipfel 2019 statt. Also raus auf die Straße! Jede Wette: Es werden zahlreiche selbstgemalte Schilder und Plakate zu sehen sein.

Auf zum Klimastreik // Unsere Leseempfehlungen zum Wochenende

Kerstin Eitner
Redakteurin

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