Guten Abend,

alle (paar) Jahre wieder kommen Forschungsteams, Thinktanks, Gruppierungen wie die Ökomodernisten und sonstige Technikbegeisterte mit der vermeintlich brandneuen Idee um die Ecke, man könnte doch eine ganz neue Generation von sicheren Atomkraftwerken bauen und damit zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, nämlich zum einen den wachsenden Energiebedarf der Welt decken und zum anderen dem Klimawandel Einhalt gebieten.

Derzeit ist es Milliardär Bill Gates, der bei US-Kongressabgeordneten antichambriert, um für die Atomenergie zu werben. Seine Firma TerraPower forscht an neuartigen Reaktoren. Das heißt, so neuartig ist das bislang nur auf dem Papier existierende Konzept für den sogenannten Laufwellenreaktor nicht, es stammt aus den Fünfzigerjahren. So um die Mitte des nächsten Jahrzehnts soll ein funktionsfähiger Prototyp fertig sein. Bis ein solcher Reaktor ans Netz gehen könnte, dürfte es also wohl noch dauern – aber beim Klimaschutz pressiert es.

Die Firma Terrestrial Energy wiederum will in ein paar Jahren einen Flüssigsalzreaktor in Betrieb nehmen. Dieser soll statt Brennstäben Uran in Form von geschmolzenem Salz nutzen, das im Reaktor kreist, ähnlich wie Wasser in einer Heizung. An einer Stelle des Kreislaufs wird das Uran in einer nuklearen Kettenreaktion gespalten, die Hitze wird beim Weiterfließen abtransportiert und treibt dabei eine Turbine an.

Befürworter bezeichnen diesen Reaktortyp als „inhärent sicher“, weil das Salz anders als Wasser nicht unter Druck stehe und daher bei einem Leck nicht entweiche. Bei Überhitzung kühle sich der Reaktor von selbst ab, da sich die Uranatome durch die Ausdehnung voneinander entfernten. Dadurch erreichten die Neutronen die Atomkerne nicht mehr, und die Kettenreaktion komme zum Stillstand.

Erinnert sich noch jemand an den Thorium-Hochtemperaturreaktor (THTR) 300 in Hamm-Uentrop? Der mit Helium gekühlte Reaktor hatte keine Brennstäbe, sondern 675.000 tennisballgroße Kugeln, gefüllt mit Uran-Brennstoffkapseln, was ihm den Beinamen Kugelhaufenreaktor eintrug. Sowohl die nordrhein-westfälische SPD-Landesregierung als auch Bundesforschungsminister Heinz Riesenhuber von der CDU waren sehr angetan von diesem vermeintlichen Zukunftsmodell, das ab Herbst 1985 Strom lieferte und als „inhärent sicher“ galt.

Bis zum 4. Mai 1986. Ausgerechnet eine gute Woche nach der Tschernobyl-Katastrophe kam es im THTR zu einem Kugelstau, Radioaktivität trat aus. Eine sehr geringe Menge nur, niemand kam zu Schaden, aber es reichte für einen Meinungsumschwung in der Öffentlichkeit. Bund und Land stritten sich über die weitere Finanzierung, und im September 1988 wurde der THTR nach nur drei Jahren, 423 Volllasttagen und 125 meldepflichtigen „Ereignissen“ – so zerbrachen Brennstoffkugeln, womit niemand gerechnet hatte – abgeschaltet. Gekostet hatte der Reaktor vier Milliarden Euro, sechsmal mehr als geplant. Nachbetriebsphase, Rückbau und Einlagerung könnten mit einer weiteren Milliarde zu Buche schlagen. Der Abbau, der 2030 beginnen soll, wird wohl zwölf bis fünfzehn Jahre dauern.

Auf eins ist bei der atomaren Technologie stets Verlass: auf die exorbitanten Kosten. Keiner der drei derzeit im Bau befindlichen europäischen Reaktoren – in Finnland, Frankreich und Großbritannien – liegt im Plan. Es gibt enorme Zeitverzögerungen, und die Kosten sind aus dem Ruder gelaufen. Während allein China unverdrossen immer mehr neue AKW-Blöcke baut, winken die meisten anderen Regierungen ab.

Ja aber – das Klima?! Nun, Fakt ist, dass die Atomspaltung keine CO2-Emissionen verursacht. Das war es aber auch schon. Die bereits erwähnten gigantischen Kosten sind das Hauptproblem, vor allem, weil erneuerbare Energien immer billiger werden. Sparen durch Absenken von Sicherheitsstandards oder durch Fließbandfertigung wäre jedoch keine gute Idee. Heute hat die Atomenergie einen Anteil von etwa elf Prozent an der weltweiten Stromerzeugung. Sollte sie zum Erreichen des Zwei-Grad-Ziels auch nur fünf Prozent beisteuern, müssten so um die 1000 AKWs neu gebaut werden, und zwar pronto. Die allgemeine Begeisterung dafür kann man sich vorstellen, von der ungelösten Endlagerung des Atommülls mal ganz abgesehen.

Wer einen wirklich sicheren Reaktor besichtigen will, sollte ins niederösterreichische Zwentendorf fahren. Das 1976 fertiggestellte gleichnamige AKW ging nie in Betrieb, denn am 5. November 1978 entschied sich die Bevölkerung in einer landesweiten Volksabstimmung mit einer hauchdünnen Mehrheit von 50,47 Prozent dagegen, obwohl der damalige Bundeskanzler Bruno Kreisky (SPÖ) fest mit einer Zustimmung gerechnet hatte. Später erklärte sich das Land sogar per Gesetz für atomfrei. Ende gut, alles gut.

Laufwellen, Flüssigsalz und Kugelhaufen: Als Klimaretter untauglich // Unsere Leseempfehlungen zum Wochenende

Kerstin Eitner
Redakteurin

PS: Gut, Atomkraft ist zur Lösung des Problems ungeeignet, aber unser Klima-Plakat bringt es auf den Punkt: Wie man es auch dreht und wendet – Nichtstun ist keine Option. Jetzt eine Woche 20 Prozent reduziert.

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