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Do., 17.12.2020 - 17:38
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Enver Hirsch
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Was bringt das geplante staatliche Fleischsiegel?
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Fleisch von artgerecht gehaltenen Tieren? Das gibt es, es kauft nur kaum jemand. Nun plant die Agrarministerin ein neues Siegelsystem – auch  für Produkte, die dem Tierwohl nicht wirklich dienen. Im Greenpeace Magazin 1.21 „Konsum“ haben wir uns das mal näher angesehen

Wer Biofleisch kauft, etwa vom Schwein, tütet stets ein Plus an Tierwohl ein: Ökoschweine haben im Stall mehr Platz, Auslauf an der frischen Luft, sie können im Stroh wühlen, bekommen ökologisch erzeugtes Futter und so gut wie keine Antibiotika verabreicht. Auch werden Bioferkeln nicht systematisch die Schwänze abgeschnitten und männliche Tiere nur unter Betäubung kastriert. Doch für so viel Tierwohl entscheiden sich die wenigsten: Nicht einmal ein Prozent des in Deutschland verkauften Schweinefleischs stammt von Tieren aus Biohaltung. Dagegen wurde mittlerweile immerhin mehr als jedes zehnte Ei von einer Biohenne gelegt. Könnte nicht auch an der Fleischtheke funktionieren, was im Eierkarton klappt?

Das Bundeslandwirtschaftsministerium scheint optimistisch, will Deutschland gar zum „Vorreiter beim Tierwohl“ machen. Dafür plant es eine neue Kennzeichnung mit drei Kategorien, zunächst für die Schweinehaltung, später auch für andere Tiere. Alle Stufen sollen mehr Tierwohl beinhalten als gesetzlich vorgeschrieben: Mastschweine sollen bis zu doppelt so viel Platz im Stall haben (siehe Grafik auf der rechten Seite), Ferkel statt drei bis zu fünf Wochen von der Mutter gesäugt werden. Der heftig umstrittene Kastenstand, in dem Sauen sich kaum rühren können, bleibt allerdings erlaubt. In vielen Bereichen ist die beste Kategorie des geplanten Kennzeichens für die Tiere immer noch schlechter als die europäischen Bio-Vorgaben.

Neues Siegel, alte Missstände

„Auch Verbraucher, die es sich nicht leisten können, viel Geld für Fleisch auszugeben, können einen Beitrag für mehr Tierwohl leisten, indem sie sich für Fleischprodukte entscheiden, die mit Stufe eins oder zwei gekennzeichnet sind“, erklärt das Ministerium. Steffen Augsberg, Mitglied im Deutschen Ethikrat, der die Politik in grundlegenden gesellschaftlichen und moralischen Fragen berät, sieht das anders. „Die Eingangstufe des staatlichen Siegels suggeriert, dass Tierschutz schon für wenig Geld machbar ist.“ Das sei aber nicht so. Er kritisiert, dass bestehende Missstände durch die offizielle Kennzeichnung gestützt werden sollen: „Dass Gütesiegel vergeben werden, wenn gesetzliche Mindeststandards eingehalten oder minimal überschritten werden, wäre in anderen Bereichen kaum denkbar“, kommentiert Augsberg mit Blick auf die unterste geplante Kategorie. „Stellen Sie sich vor, es gäbe ein Siegel für Kindergärten, und die Einstiegsstufe erreichten schon Einrichtungen, in denen die Erzieher nicht prügeln.“ Im Juni forderte der Ethikrat die Bundesregierung in einer Stellungnahme auf, in der Nutztierhaltung grundlegend umzusteuern.

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Davon kann mit dem staatlichen Tierwohlkennzeichen keine Rede sein. Es ist als freiwillige Auszeichnung geplant, anders als es etwa bei Eiern der Fall ist. Eine Pflichtkennzeichnung ist laut Agrarministerium nach EU-Recht nur möglich, wenn die Mitgliedsstaaten es gemeinsam beschließen.

Ein freiwilliges Siegel für Fleisch mit verschiedenen Stufen, deren Kriterien teils nur marginal über den gesetzlichen Bestimmungen liegen – klingelt da was? Richtig, so etwas gibt es schon. Von der Industrie. Es nennt sich Haltungsform-Kennzeichen und wurde 2019 von einem Verbund aus Land- und Fleischwirtschaft sowie dem Handel eingeführt. Auch dieses Label ist – wie die geplante staatliche Kennzeichnung – kein eigenes Produktsiegel, sondern teilt verschiedene Formen der Tierhaltung in vier Kategorien ein, sodass man beim Einkauf erkennen kann, wie viel – oder wenig – Tierwohl im Schnitzel steckt. Von der niedrigsten ersten Kategorie, die kaum über die gesetzlichen Vorgaben hinausgeht und auch Produkte mit dem umstrittenen QS-Siegel einschließt, bis hin zu Kategorie vier, unter die Biofleisch fällt sowie Neuland-Fleisch, das ebenfalls hohe Tierwohlstandards garantiert. Mit der Kategorie steigt auch der Preis. Beim teilnehmenden Discounter Lidl etwa sind Hähnchenschenkel der Kategorie zwei zum Kilopreis von 2,72 Euro zu haben. Ein Pendant der Kategorie vier – mit Tierwohl auf Bio- Niveau – liegt bei 7,36 Euro.

Kein Trend in Richtung Tierwohl

Die Haltungsform-Initiative zeigt, dass eine freiwillige Kennzeichnung den Kundinnen und Kunden Tierwohl kaum schmackhafter macht: In den Supermärkten liegt überwiegend Fleisch der unteren beiden Kategorien. „Die Verbraucher können oder wollen sich das meistens mehr als doppelt so teure Fleisch der Stufen drei und vier nicht in so großen Mengen leisten, dass der Handel sich das entsprechend ins Regal legen würde“, sagt dazu Patrick Klein, Sprecher der Initiative. Eine Lenkungswirkung hin zu den höheren Kategorien, also zu deutlich mehr Tierwohl? Die beobachte er nur sehr eingeschränkt. Fleisch der zweiten Stufe werde allerdings vermehrt gekauft – zulasten der ersten. Diese will der Handel ab 2021 gar nicht mehr anbieten. Eine kleine Stufe für den Menschen, aber ein gewaltiger Sprung fürs Tier? Leider nicht: Für ein Mastschwein von 110 Kilogramm zum Beispiel bedeutet Kategorie zwei eine Stallfläche von rechnerisch 0,825 Quadratmetern – statt 0,75. Tierwohl sieht anders aus und ist frühestens ab Kategorie drei zu finden. Doch genau diese Produkte führen im Handel ein Schattendasein.

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Di., 15.12.2020 - 11:09
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Infografik: Jens Meyer; Quelle: Bundeslandwirtschaftsministerium, Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung
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Sieht so Tierwohl aus? Die Vorgaben für Schweinehaltung im Vergleich

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Stellen Sie sich vor, es gäbe ein Siegel für Kindergärten, und die Einstiegsstufe erreichten schon die, in denen die Erzieher nicht prügeln.
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Dabei bekräftigten in einer Befragung des Landwirtschaftsministeriums viele Menschen, dass sie bereit wären, mehr Geld für Fleisch auszugeben, das aus tierfreundlicher Produktion stammt. Die Hälfte gab an, einen Preisaufschlag von dreißig Prozent zu akzeptieren, 22 Prozent wären demnach sogar bereit, doppelt so viel wie bisher zu bezahlen. Warum dann der geringe Marktanteil von Biofleisch und Produkten mit vergleichbaren Tierstandards? Jutta Jaksche vom Verbraucherzentrale Bundesverband sieht Fleischwirtschaft und Lebensmittelhandel in der Pflicht: „Tiergerecht erzeugte Produkte müssen im Supermarkt viel leichter zu finden sein, erst so kann eine starke Nachfrage entstehen.“ Der Handel müsse sich für ausreichende Mengen der tierfreundlicheren Kategorien drei und vier einsetzen – und diese bewerben. Jaksche weist zudem auf einen Missstand hin, den Verbraucherinnen und Verbraucher vom Obst- und Gemüseregal kennen: „Wer bio möchte, muss im Supermarkt zu den eingeschweißten Waren greifen.“ Denn ausgerechnet an den Bedientheken wird in der Regel nur Fleisch aus konventioneller Haltung angeboten.

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Die Verpackungen der Schnitzel und Koteletts vermitteln dagegen den Eindruck, dass nicht weiter nach tierfreundlicheren Alternativen gesucht werden müsse. Wozu mehr Geld ausgeben, wenn Markennamen und Verpackungsdesign landwirtschaftliche Idylle und Tiere im Glück suggerieren? Da sind traditionelle Fachwerkhäuser abgebildet, saftige Weiden und im Freien umherlaufende Hühner. Die dazugehörigen Marken tragen Attribute ländlicher Harmonie im Namen: Wiesenhof, Bauernglück, Gut Drei Eichen.

Das Beispiel Ei zeigt:
Besserung ist möglich

Ohne Pflichtkennzeichnung, die Mängel bei der Haltung unmissverständlich benennt, wird sich daher vermutlich wenig ändern für die Tiere. Dabei zeigt das Beispiel Ei, dass sich wirklich etwas tut, wenn Informationen zur Tierhaltung vorgeschrieben sind: Seit 2004 müssen Eier europaweit als aus Bio-, Freiland-, Boden- oder Käfighaltung stammend gekennzeichnet werden. Daraufhin ist der Bio-Anteil gestiegen, und Käfigeier sind heute praktisch nur noch in verarbeiteten Produkten zu finden – für die die Kennzeichnungspflicht nicht gilt. Peter Röhrig, Geschäftsführer des Bundes für ökologische Lebensmittelwirtschaft, BÖLW, sieht den Vorstoß von Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner deshalb kritisch: „Eine neue Kennzeichnung von Fleisch funktioniert nur dann, wenn sie verpflichtend ist und alle Produktionsstandards transparent macht.“

Der Mehrwert des geplanten staatlichen Kennzeichens wird sich daher vermutlich in Grenzen halten – zumal seine Einführung auf sich warten lässt. Sie war für Mitte 2020 geplant, der Gesetzentwurf liegt aber noch bei den Koalitionsparteien.

Jurist und Ethiker Augsberg plädiert für ein grundlegendes gesellschaftliches Umdenken: „Es wird nicht anders gehen, als wegzukommen von der Mentalität, dass Fleisch günstig ist und jeden Tag auf den Teller muss.“ Hier tue sich viel, und das Sortiment vegetarischer sowie veganer Alternativen werde aufgrund starker Nachfrage weiter ausgebaut. Er ist sich sicher: „In fünfzig Jahren werden wir zurückblicken auf diese Zeit und uns fragen, wie wir solche Zustände in der Tierhaltung einmal zulassen konnten.“ 

Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe des Greenpeace Magazins 1.21 „Konsum“. Im Schwerpunkt zeigen wir Menschen, die lieber das Klima verbessern als das Konsumklima und sich der Logik des Immermehr entziehen. Das Greenpeace Magazin erhalten Sie als Einzelheft in unserem Warenhaus oder im Bahnhofsbuchhandel, alles über unsere vielfältigen Abonnements inklusive Prämienangeboten erfahren Sie in unserem Abo-Shop. Sie können alle Inhalte auch in digitaler Form lesen, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Schmökern, Schauen und Teilen!

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Mo., 14.12.2020 - 16:56
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Der Mehrwert einer freiwilligen staatlichen Kennzeichnung für Fleisch ist begrenzt. Dabei zeigt sich am Beispiel von Eiern, dass eine Pflicht zur Information über die Haltungsbedingungen durchaus etwas verändern kann

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Di., 15.12.2020 - 11:12
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