Textilindustrie10.Sep 2019

Grüner Knopf: Warum das neue Textilsiegel wenig bringt

Grüner Knopf: Warum das neue Textilsiegel wenig bringt

Verbraucher sollen umwelt- und sozialverträgliche Kleidung künftig am „Grünen Knopf“ erkennen. Doch schon jetzt steht das erste staatliche Textilsiegel in der Kritik.

Er soll Kleidung nachhaltiger und gerechter machen: der „Grüne Knopf“, das erste staatliche Siegel, das Unternehmen künftig an ihre Textilwaren anbringen können. „In der Textilwirtschaft muss die gerechte Globalisierung beginnen“, sagte Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) bei der Vorstellung. Das neue Siegel entspreche längst dem Zeigeist: „Fair Fashion ist ein Megatrend. Drei Viertel der Verbraucher legen Wert auf faire Kleidung“, so Müller.

Es musste allerdings erst eine Katastrophe geschehen, bis das Entwicklungsministerium bereit war, diesem vermeintlichen „Megatrend“ zu folgen. Trauriger Anlass für die Entwicklung des Siegels ist der 24. April 2013. An diesem Tag ereignete sich eines der größten Industrieunglücke der vergangenen Jahrzehnte, als die Textilfabrik Rana Plaza in Savar nahe der bangladeschischen Hauptstadt Dhaka einstürzte. 1138 Menschen starben in den Trümmern, mehr als 2000 wurden verletzt, viele von ihnen schwer. Anschließende Ermittlungen ergaben, dass drei von acht Etagen illegal errichtet worden waren, eine neunte befand sich im Bau. Zu den Firmen die zum Zeitpunkt des Einsturzes dort poduzieren ließen, zählten Benetton, Kik und Mango.

Nach dem Unglück wurde ein Entschädigungsfond eingerichtet. „Mehr als 5.700 Opfer und Hinterbliebene wurden finanziell unterstützt“, schreibt das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. „Das Entwicklungsministerium hat 515 Opfern geholfen, ihren Lebensunterhalt wieder aus eigener Kraft zu be­streiten“, heißt es weiter.

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Fatale Konsequenzen der ungerechten Textilherstellung: 1138 Menschen starben beim Einsturz der Fabrik Rana Plaza in Bangladesch. Es ist das bislang größte Unglück in der Geschichte der Branche. Foto: dpa

Die langfristige Reaktion auf das Unglück soll nun das neue Siegel „Grüner Knopf“ sein. Der TÜV wird kontrollieren, ob die Firmen die Kriterien des Entwicklungsministeriums einhalten. Eingenäht, eingedruckt oder angehängt, soll man den „Grünen Knopf“ künftig an Kleidung, Taschen, Bettwäsche oder Gardinen finden. Der Haken laut vieler Kritiker wie Greenpeace oder die Clean Clothes Campaign (CCC): Die Nutzung des Siegels ist freiwillig. Wie erfolgreich es sein wird, hängt also von der Bereitschaft des Handels ab. Zum Startschuss haben sich 27 Unternehmen zur Teilnahme verpflichtet, darunter Aldi Nord und Süd, hessnatur, Kaufland, Lidl, Rewe Group, Tchibo und Vaude.

Sie müssen 26 Produkt- und zwanzig Unternehmenskriterien einhalten. Zu Beginn werden die Textilien nur beim Färben und Nähen überprüft – laut Entwicklungsministerium die wichtigsten Arbeitsschritte mit weltweit 75 Millionen Beschäftigten. Anhand verschiedener bereits bestehender Siegel sollen die Hersteller nachweisen, dass sie etwa keine gefährlichen Chemikalien oder Weichmacher benutzen, ihr Abwasser geltende Grenzwerte einhält, sie ihren CO2-Ausstoß senken, keine Kinder- oder Zwangsarbeiter beschäftigen, schriftliche Verträge mit ihren Arbeitern abschließen, Vereinigungsfreiheit und Arbeitssicherheit gewährleisten und Mindestlöhne einhalten.

Allerdings wird nicht überprüft, was vor dem Färben und Nähen passiert. Die Einhaltung ökologischer und sozialer Standards auf Baumwollplantagen, in Faserproduktionen und in Webereien und Spinnereien soll zwar in Zukunft auch garantiert werden, zum Start wird dieser ganze Sektor jedoch ausgespart. Dabei schreibt das Ministerium selbst in einer Begleitbroschüre: „Auf den großen Baumwoll-Monokulturen werden 25 Prozent aller weltweit eingesetzten Schädlingsbekämpfungsmittel eingesetzt. Die Gifte werden oft per Hand ausgebracht oder sogar von Flugzeugen auf die Felder gesprüht, während dort Menschen arbeiten.“

„Nach jetzigem Stand kann der ‚Grüne Knopf‘ auch auf einem T-Shirt aus pestizidbehandelter Gentechnik-Baumwolle kleben“, kritisiert deswegen Viola Wohlgemuth, Konsum-Expertin von Greenpeace. „Soll der ‚Grüne Knopf‘ nach ökologischen Kriterien kein Etikettenschwindel sein, muss er von Anfang an die gesamte Herstellungskette vom Acker über die Fabrik bis zum Kleiderständer berücksichtigen. Nicht nur Umweltorganisationen fordern die Ausweitung des Siegels bis zur Fasergewinnung, sondern auch die deutschen Verbraucherzentralen. Sie zweifeln zudem an der Wirksamkeit eines freiwilligen Siegels: „Um Katastrophen wie die von Rana Plaza zu verhindern, reicht ein freiwilliges Label wie der ‚Grüne Knopf‘ nicht aus. Ein Lieferkettengesetz, das alle Unternehmen bindet, hätte mehr Durchschlagskraft“, sagt Vorstand Klaus Müller. Ein solches plant die Bundesregierung laut Koalitionsvertrag für Mitte nächsten Jahres, die Kriterien werden aber wohl sehr viel schwächer als die des freiwilligen Siegels sein.

Die CCC sieht vor allem die Kontrolle durch den TÜV kritisch: „Wir wissen aus den vergangenen Jahren, dass der TÜV dort keine gute Arbeit geleistet hat“, sagt Uwe Wötzel, Gewerkschafter bei ver.di und Mitglied im Geschäftsführenden Ausschuss der CCC. „Der TÜV hatte das Rana Plaza zertifiziert und auch in anderen Ländern wie Pakistan Zertifikate ausgestellt – und hinterher zeigte sich, dass diese Audits wirkungslos waren und die Beschäftigten nicht schützten.“ Auch einen existenzsichernden Lohn garantiere das neue Siegel nicht, denn der Mindestlohn reiche in viele Produktionsländern, wie etwa Bangladesch, nicht zum Leben. 

Und: Unternehmen, die in der Europäischen Union produzieren, müssen die Einhaltung von Menschen- und Arbeitsrechten nicht nachweisen. Das deutsche Entwicklungsministerium ist der Ansicht, dass die gesetzlichen Vorgaben in der EU effektiv durchgesetzt würden. Die CCC sieht das anders: „Veröffentlichungen der CCC über Bulgarien oder Rumänien, die beiden größten Textilkonfektionäre in der EU, zeigen regelmäßig systemische Probleme bei der Umsetzung von Arbeitsrechten“, sagt Maik Pflaum von der Christlichen Initiative Romero. Fazit: Textilien, die den „Grünen Knopf“ tragen, dürften nicht als fair oder nachhaltig bezeichnet werden.

Dem Verbraucher bleibt also vorerst nichts anderes übrig, als sich weiter durch den Siegel-Dschungel zu wühlen. Immerhin hat die Bundesregierung dafür das Vergleichsportal Siegelklarheit gegründet. Dort lässt sich anhand von Bewertungen und Produktgruppen erkennen, auf welche Siegel Verlass ist.

Svenja Beller

Aufmacherbild: Nicht so wirksam wie es sein müsste: Das neue staatliche Siegel "Der Grüne Knopf". Foto: picture alliance/Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa

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