Gleichberechtigung20.Aug 2019

Lieber nicht nackt als Pelz

Lieber nicht nackt als Pelz

„Fehlt dir nichts?“ Als queere Frauen, die sich vegan ernähren, müssen India Kandel und Daniela Zysk sich diese Frage oft anhören. Mit dem „Vegan Rainbow Project“ setzen sie sich für die Gleichberechtigung aller Tiere, Geschlechter und sexueller Ausrichtungen ein. India Kandel erklärt im Interview, auf welche Widerstände sie damit stoßen. 

Als Daniela Zysk bemerkte, dass sie sich als Veganerin und Lesbe mit denselben Vorurteilen konfrontiert sah, machte sie aus der Not eine Tugend und gründete das „Vegan Rainbow Project“. Gemeinsam mit India Kandel ergründet sie für den projekteigenen Blog in Interviews mit Aktivisten und Akademikern die Zusammenhänge zwischen der Unterdrückung von Menschen aufgrund ihrer sexuellen Vorlieben und von Tieren.

Den Menschen sehen sie als eines von vielen Tieren an, alle anderen Lebewesen nennen sie deswegen „nichtmenschliche Tiere“. Darüber und über die Parallelen zwischen der Tierrechts- und der LGBTQIA-Bewegung (Abkürzung für: Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer, Intersex, Asexual) halten sie auch Vorträge. Als nächstes werden sie kommenden Samstag auf dem Veganen Sommerfest in Berlin zu hören sein. Wir sprachen im Vorfeld mit India Kandel über Gleichberechtigung, Überlegenheiten und die Grenzen von Toleranz.

Sie setzen sich gleichermaßen gegen die Unterdrückung von Menschen und Tieren ein. Wo sind die Parallelen?

Verschiedene Unterdrückungsmechanismen wie Homophobie, Transphobie, Sexismus, Rassismus, Behindertenfeindlichkeit, Altersdiskriminierung, Klassismus und eben auch Speziesismus, also die Unterdrückung von Lebewesen aufgrund ihrer Artzugehörigkeit, ähneln sich in ihrer Wirkungsweise. Das Ganze lässt sich darauf zurückführen, dass es immer eine Gruppe gibt, die glaubt, dass sie besser ist. Zum Beispiel beruht Sexismus auf der Überzeugung, dass insbesondere Cis-Männer (Anm. d. Red: Männer, deren Geschlechtsidentität dem Geschlecht entspricht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde) besser sind als andere Geschlechter, insbesondere Frauen. Wir haben beobachtet, dass Frauen und nichtmenschliche Tiere abgewertet werden, dass sie nur um ihres Körpers wegen gesehen und genutzt werden.

Die radikale Gleichstellung aller Lebewesen geht vielen sicher zu weit. Welches Gegenargument müssen Sie sich am häufigsten anhören?

Natürlich die allgemeinen Argumente „das war schon immer so“ und „das ist natürlich“, vor allem, wenn es darum geht, die Ungleichbehandlung nichtmenschlicher Tiere zu rechtfertigen. Daniela Zysk, die das Projekt gegründet hat, sind dann Parallelen aufgefallen. Ihr wurde sowohl als Lesbe als auch als Veganerin oft gesagt: „Fehlt dir nichts?“, „Du brauchst doch mal...“, „Das ist doch nicht natürlich“ und „Der Mensch hat schon immer so gelebt“.

War das dann auch der Auslöser, vor zwei Jahren das „Vegan Rainbow Project“ zu gründen?

Sie war schon länger in der LGBTQIA-Bewegung aktiv und hat gemerkt, dass sie sowohl als Veganerin in der queeren Bewegung, als auch als Lesbe in der veganen Bewegung eine Sonderrolle hatte, und das hat sie versucht zusammenzubringen. Ich kam ein Jahr später dazu. Dazu hat mich das Buch „The Sexual Politics of Meat“ von Carol J. Adams gebracht. Es war für mich der Einstieg in das Thema, und seitdem hat es mich nicht mehr losgelassen.

India Kandel. Foto: Callie Mackay

Sie kommen aus dem Tierrechts- und dem queeren Aktivismus, nun versuchen Sie beide Bewegungen zu verbinden. Auf welche Widerstände stoßen Sie?

Es hat uns selbst überrascht, dass wir relativ positiv aufgenommen werden. Aus der Tierrechtsbewegung haben wir kaum Gegenwind bekommen, aus der queeren Bewegung kam natürlich ab und zu Bemerkungen wie „Müsst ihr jetzt mit Tieren anfangen, es geht doch eigentlich um uns“, aber auch von da gab es ganz viel Zuspruch. Wir wissen, es ist noch viel Arbeit zu tun, dafür finden wir auch immer wieder Belege. Zum Beispiel haben wir in der Broschüre des Christopher-Street-Days in Frankfurt eine Anzeige für ein Restaurant gefunden, da war eine Schweinshaxe abgebildet und darüber stand „geile Säue“.

Ihr Projekt ist für die Bewegungen auch unangenehm, weil es ihnen ihre Grenzen vor Augen führen. Denn sicher unterdrücken Feministen manchmal Tiere – und einige Tierrechtler verhalten sich sexistisch.

Auf jeden Fall. Ich nenne einfach mal als Beispiel Peta mit der Kampagne „Lieber nackt als Pelz“: Auf den Bildern sind hauptsächlich nackte Frauenkörper zu sehen.

Und das geht Ihnen zu weit?

Ja, mit solchen Gruppen wollen wir nicht zusammenarbeiten. In der veganen Bewegung wird auch oft gesagt: „Wir sind die Stimme für die Stimmlosen“. Da sagen wir ganz klar: Das geht mit uns nicht konform. Denn Tiere haben eine Stimme, wir hören sie nur nicht. Wenn wir sagen, sie haben keine Stimme, dann positionieren wir uns als ihre Retter. Da wird uns natürlich schon vorgeworfen, dass wir zu dogmatisch sind. Das ist auch manchmal unangenehm. Aber das schreckt uns nicht ab, weiterzumachen.

In Ihren Vorträgen sprechen Sie über Speziesismus und Sexismus, also über die Unterdrückung von anderen Lebewesen aufgrund ihrer Spezies oder ihres Geschlechts. Kann man zum Beispiel die Ausbeutung von Milchkühen und die Benachteiligung von Frauen wirklich gleichsetzen?

Ich würde grundsätzlich nie irgendeine Ausbeutung gleichsetzen, weil sie immer andere Gründe hat. Aber natürlich gibt es da Parallelen – sicher können Mütter besser nachvollziehen wie es sich anfühlen muss, wenn einem das eigene Kind weggenommen wird, so wie es den Milchkühen widerfährt – aber ich würde das nie gleichsetzen. In der veganen Bewegung ziehen einige auch Vergleiche zum Holocaust, und damit haben wir auch ein großes Problem, weil es einfach nicht stimmt. Es ist etwas anderes, eine gewisse Gruppe von Menschen auslöschen zu wollen oder nichtmenschliche Tiere auszubeuten, um damit Gewinn zu machen.

Wenn Sie die unterschiedlichen Unterdrückungsformen also nicht gleichsetzen, wie behandeln Sie sie dann?

Sie haben alle einen gemeinsamen Nenner: das, was Bell Hooks als imperialistisches, kapitalistisches, vom weißen Überlegenheitsdenken geprägtes Patriarchat bezeichnet. Aus diesem System bedingen sich ganz viele Unterdrückungsmechanismen, und dagegen wollen wir vorgehen.

Für Ihr Projekt führen Sie nur Interviews mit vegan lebenden Aktivisten und Akademikern. Ohne vegane Ernährung geht es nicht?

Für uns nicht, nein. Natürlich finden wir es super, wenn sich nicht vegan lebende Menschen mit unseren Themen beschäftigen. Aber wir haben die restlose Abschaffung aller Formen der sogenannten Nutzung von nichtmenschlichen Tieren als Ziel, und da ist der Veganismus eine Grundvoraussetzung. Wir erkennen natürlich an, dass es Personen und Gruppierungen gibt, für die das nicht möglich ist – und die Definition von Veganismus ist ja auch: so weit praktikabel und möglich. Aber wenn Menschen, für die vegan zu leben möglich ist, nicht vollständig auf tierische Produkte verzichten, dann ist für uns die Bedingung für eine Zusammenarbeit noch nicht erfüllt. Ich sage bewusst noch nicht. Ich habe den Großteil meines Lebens auch nicht vegan gelebt, wir sind alle in einer nicht-veganen Gesellschaft aufgewachsen, das ist ein Prozess.

Müssten Bewegungen, die für mehr Toleranz eintreten, nicht auch selber Lebensweisen tolerieren, die vom eigenen Ideal abweichen?

Ich verstehe woher das Argument kommt. Aber das würde von mir nicht nur die Tolerierung einer anderen Lebensweise verlangen, sondern auch einer anderen Wertevorstellung, die sich aktiv gegen bestimmte Gruppen richtet. Personen gegenüber bin ich tolerant, aber nicht gegenüber allen Werten. Ich denke jeder versteht, wenn ich sage: Ich toleriere keinen Sexismus oder Rassismus. Aber warum sollte ich dann Speziesismus tolerieren? Und natürlich weiß ich, dass Menschen, die nicht vegan leben, das nicht machen, weil sie Tiere hassen. Aber da hat eben ein gewisser Denkprozess noch nicht stattgefunden.

Sie bezeichnen sich selbst auch als Ökofeministinnen. Der Begriff tauchte bereits in den Siebzigerjahren zum ersten Mal auf. Was hat sich seitdem verändert?

Ökofeminismus bezieht sich vor allem darauf, dass es Parallelen gibt in der Unterdrückung von Frauen und der Natur, und das bekommt, denke ich, schon mehr Aufmerksamkeit. Traurigerweise tritt auch jetzt in der Klimakrise zu Tage, dass davon vor allem die Frauen betroffen sind. Mehrere Untersuchungen etwa von Oxfam oder der Weltnaturschutzunion haben gezeigt, dass bei Umweltkatastrophen hauptsächlich Frauen und Kinder zu Tode kommen. Das illustriert die Relevanz des Themas.

Interview: Svenja Beller

Aufmacherbild: Das „Vegan Rainbow Project“ schließt sich mehreren Demonstrationen an, wie dem diesjährigen Christopher Street Day in Wiesbaden. Foto: Daniela Zysk

Das Greenpeace Magazin ist offizieller Medienpartner des Veganen Sommerfestes. Vom 23. bis zum 25. August dreht sich auf dem Berliner Alexanderplatz alles um eine vegane Lebensweise, hier geht‘s zum Programm.

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Klimaanpassung – 5.19
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