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Wolfgang Hassenstein
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Radikaldebatte
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Wie viel Radikalität braucht die Welt? Angesichts der beispiellosen Bedrohung durch den Klimawandel können wir gar nicht radikal genug sein
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03.12.2020

Vor ein paar Jahren, als es Fridays for Future noch gar nicht gab, brachte es eine Klima-Aktivistin in einer Polit-Talkshow einmal auf den Punkt. Neben ihr saß der mächtige Chef eines Energiekonzerns und erklärte in gönnerhaftem Ton, es sei ja ihr gutes Recht zu protestieren – aber müssten die Aktionen denn so radikal sein? Kühl erwiderte sie, viel „radikaler“ sei es doch, trotz des Wissens um den Klimawandel weiter in großem Stil Kohle zu verbrennen.

Ich weiß noch, dass nicht nur der Topmanager ziemlich dumm aus der Wäsche guckte, sondern ich mich auch selbst ertappt fühlte. Müsste ich, müssten wir alle uns nicht viel radikaler gegen die menschheitsbedrohende Klimakatastrophe stemmen? Deren potenzielle Dimension war mir spätestens bekannt, seit ich vor zwanzig Jahren beim Greenpeace Magazin angefangen habe. In meinem ersten Jahr als Volontär schrieb ich einen Artikel über abrupte Klimaänderungen der Vergangenheit und über die ungewöhnlich stabile Phase der letzten 10.000 Jahre, in der sich die menschliche Zivilisation entwickelt hat – und deren wertvolle Balance wir nun mit unseren Emissionen aufs Spiel setzten. „Es besteht kein Zweifel“, begann der Artikel, „der Klimawandel findet statt, und die ärmsten Länder werden die größten Verlierer sein.“ Beinahe alles, was ich damals berichtete, ist heute noch gültig. Nur treten viele der beschriebenen Gefahren – Dürren und Eisschmelze, Stürme und Überschwemmungen – inzwischen bereits viel deutlicher und häufiger ein als damals.

Ich wusste also, was los ist, alle hätten es wissen können, und doch haben wir einfach weitergemacht und zugesehen, wie die globalen Emissionen seitdem noch einmal um die Hälfte stiegen. Es gibt wohl verschiedene Gründe dafür, weshalb wir ein Problem dieser Größe immer wieder verdrängen konnten, doch ich habe den bösen Verdacht, dass sich ein besonders wichtiger schon im ersten Satz meines Artikels von damals verbirgt: „Die ärmsten Länder werden die größten Verlierer sein.“ Lange Zeit schien es nämlich, als würden die Folgen der Erderwärmung vor allem Menschen treffen, die weit weg leben, im globalen Süden etwa oder in der Arktis. Doch erst die Dürresommer der vergangenen Jahre haben uns spüren lassen, dass die Klimakrise auch unsere eigene Sicherheit bedroht und noch viel mehr die unserer Kinder und Enkel. Seitdem ist die Bereitschaft vieler Menschen, das Thema an sich heranzulassen und sich ernsthaft mit dem Klimaschutz zu befassen, deutlich gewachsen.

Aber wie radikal bin ich denn nun heute in meinem eigenen Engagement? Selbstverständlich versuche ich, meine Emissionen zu reduzieren, aber ich habe mein Leben nicht radikal umgestellt und weiß, dass das, was ich tue und lasse, nicht reicht. Außerdem gehe ich, solange Corona das zulässt, ab und zu auf eine Demo, voller Bewunderung für die superengagierten Klimaschützerinnen und -schützer. Aber ich kriege schon Herzklopfen, wenn ich auf die verwegene Idee komme, einen Klimastreik-Aufkleber an einen Ampelpfahl zu kleben. Was für ein Kontrast zu meinem Wissen um das, was sich in der Atmosphäre zusammenbraut.

Ich weiß, was los ist, klarer denn je: Die CO2-Emissionen sind radikal zu hoch, und je länger wir warten, desto radikaler werden wir sie in wenigen Jahren senken müssen. Öl- und Kohleindustrie haben allerdings radikale finanzielle Interessen. Und unsere Bequemlichkeit und die Fähigkeit, Probleme zu verdrängen, die uns nicht direkt betreffen, sind radikal ausgeprägt. Das bedeutet: Beim Klimaschutz können wir gar nicht radikal genug sein. Denn am radikalsten – im Sinne der Duden-Definition: „mit Rücksichtslosigkeit und Härte vorgehend“ – wird die Reaktion der Natur sein, deren Balance wir zerstören.

Klimakrise, Artensterben, Müll überall – die Erde steht vor dem Ökokollaps. Wie radikal müssen wir sein, um ihn noch abzuwenden? Das haben wir uns beim Greenpeace Magazin gefragt. Herausgekommen ist die Serie #Radikaldebatte. Hier lesen Sie persönliche Einsichten und Gedanken über radikale Konzepte im Kampf für eine bessere Welt

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Wie viel Radikalität braucht die Welt? Redakteur Wolfgang Hassenstein findet, dass wir angesichts der beispiellosen Bedrohung durch den Klimawandel gar nicht radikal genug sein können – beim Senken der Emissionen