Foto Credit
Diefenthaler/Koning [M] Shutterstock
Text Credit
Julia Akra-Laurien
Stichzeile
Radikaldebatte
Inhalt
Text

Neulich diskutierte ich am Mittagstisch mit meinen Eltern. Mal wieder. (Ja – das mache ich auch mit 40 Jahren noch). Es begann, wie meistens, harmlos. Die Winterzeit sei so herrlich ehrlich, sagte ich. Wieso das, fragten meine Eltern. Naja, meinte ich schulterzuckend, im Winter erkenne man Unmenschen sofort – an ihrem Pelzkragen oder dem Fellbommel an der Mütze.

Das sei doch sehr radikal, sagten sie, alle Pelzträger*innen als Unmenschen zu bezeichnen.

Auf die Frage, was denn daran radikal sei, lautete die Antwort: Ich würde alle über einen Kamm scheren und beschimpfen. So sei überhaupt keine Diskussion möglich.

Ich entgegnete, dass ich es vielmehr radikal fände, andere Lebewesen zu erniedrigen, sie zu züchten und zu töten – und das aus für mich niederen Beweggründen. Mode ist schließlich nichts Lebensnotwendiges. Und worüber soll ich da diskutieren? Darüber, dass Füchse ganze sieben Sekunden einem analen Stromschlag ausgesetzt werden, damit sie von innen verbrennen und bloß der Pelz nicht beschädigt wird? Dass jedes Jahr mehr als 100 Millionen Tiere in winzigen Käfigen gehalten werden, bevor sie dieses grausame Schicksal erleiden müssen – für einen schnöden Pelzbommel? Ganz zu schweigen von der Umweltbelastung durch die Produktion von Futtermitteln, die Ausscheidungen der Tiere und die Tonnen von Chemikalien, mit denen die Pelze haltbar gemacht werden.

Seufzend murmelte ich, dass ich mir manchmal die Mentalität der Achtzigerjahre zurückwünsche. Wieso das denn jetzt wieder? Da haben sich die Leute nicht getraut, mit Pelz auf die Straße zu gehen, weil sie Angst hatten von Farbattacken und Tortenwürfen. Für mich eine spaßige Vorstellung – für andere viel zu radikal.

Nach der Diskussion habe ich mich gefragt, welches „radikal“ das Richtige ist. Und wieso wir das gleiche Wort verwenden, aber etwas ganz anderes meinen. Der Duden brachte Licht ins Dunkel – radikal hat nämlich unterschiedliche Bedeutungen. Erstens: „von Grund aus erfolgend, ganz und gar; vollständig, gründlich“ (Hier sehe ich mich mit meiner Meinung: Alle Pelzträger*innen sind Unmenschen!). Zweitens: „mit Rücksichtslosigkeit und Härte vorgehend, durchgeführt o. Ä.“ (Hier würde ich die Handlungen einordnen, die zum Tragen von Pelz notwendig sind: Füchse mit Stromschlägen töten).

Mein Resümee: Ich bin radikal anti-radikal. Und finde das ganz gut so.

Übrigens: In meiner knappen Freizeit suche ich bei der Tauschplattform Kleiderkreisel nach Pelzklamotten und melde sie. Wenigstens dort sind die nämlich verboten. Ich überlasse es Ihnen, ob Sie das nun radikal finden.

Klimakrise, Artensterben, Müll überall – die Erde steht vor dem Ökokollaps. Wie radikal müssen wir sein, um ihn noch abzuwenden? Das haben wir uns beim Greenpeace Magazin gefragt. Herausgekommen ist die Serie #Radikaldebatte. Hier lesen Sie persönliche Einsichten und Gedanken über radikale Konzepte im Kampf für eine bessere Welt

Artikeltyp
Halb
Bild seitenfüllend
Aus
Foto Credit Beschriftung
Illustration
Text Credit Beschriftung
Text
Kachel Viel Text
Off
Teasertext auf Kachel ausblenden
An
Startseiten Sortierung
-71
Untertitel

Wieviel Radikalität braucht die Welt? Social Media Managerin Julia Akra-Laurien hat eine klare Meinung zu Pelz