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Klaus Willenbrock
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Katja Morgenthaler
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À la Saison
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Er ist der berühmteste Zauberlehrling der Welt. Aber sein Problem sind nicht die Geister, die er rief, sondern die Geister, die er nicht rufen darf: In Hogwarts räumt Harry Potter die Kammer des Schreckens dank höherer Mächte schon ganz allein auf, doch für Zauberei in den Ferien ist er noch zu jung. So steht er mit seinem Freund Ron eines Weihnachtstages an einer Küchenspüle voller Rosenkohl. Vor dem Fenster tanzen Schneeflocken. Und Rons ältere Brüder höhnen, Gemüse mit Messern statt Magie zu putzen stärke den Charakter. „Da könnt ihr mal sehen, wie schwierig es für Muggel und Squibs ist.“ Doch die Mühen nichtmagischer Menschen und unfähiger Zauberer sind für Harry und Ron kein Trost: Ein Berg unnötiger Arbeit ist einfach bitter.

Ob auch die Kohlröschen bitter sind, verrät das Buch nicht. Aber der Schnee ist ein gutes Zeichen. Denn Rosenkohl gedeiht nicht nur netterweise im Winter, er braucht die Kälte sogar: Frost steigert seinen Zuckergehalt und macht ihn milder. Aber wozu überhaupt? Ist Bitter nicht das neue Süß? Löwenzahn firmiert jetzt als Salat. Die Jugend trinkt den Matetee flaschenweise. Und Grünkohl heißt jetzt kale und ist hip. Guter Kaffee? Ordentliches Olivenöl? Vernünftiges Bier? Alles bitter! Alles kein Problem.

Nur den kleinen Rosenkohl hat noch keiner rehabilitiert. So wie er traditionell zu den trimmings gehört, den Beilagen des englischen Weihnachtstruthahns, so gehört zu ihm die traditionell üble Nachrede. Gemeinheiten wie „Eines Tages wird Rosenkohl an der Spitze der Nahrungskette stehen, weil er keine natürlichen Fressfeinde mehr hat“ und „Schokolade ist Gottes Entschuldigung für Rosenkohl“ sterben einfach nicht aus. Dabei ist Schokolade längst auch in Bitter schick und Rosenkohl dank Jahrzehnten züchterischer Arbeit fast schon eine Süßigkeit.

Kurz: Es ist Kappes, Rosenkohl zu verschmähen. Beziehungsweise Poppeköchekappes, Puppenküchenkohl, wie der kleinste und jüngste Vertreter des Kohlklans auf Kölsch heißt. Wie alle Kohlsorten stammt auch Brassica oleracea var. gemmifera vom wilden Meerkohl ab. Während andere Kulturformen im Wortsinn antik oder mittelalterlich sind, entstand ihre Bonsaivariante wohl erst im 16. Jahrhundert vor den Toren von Brüssel. Ihren Züchtern brachte die Kreation, die deftigen Kohl zumindest optisch in duftige Rosenknospen verwandelte, den Namen kuulkappers, Kohlschneider, ein. Bis heute werden die Knospen meist ohne Maschine und Magie vom Strunk der Kohlpflanze geschnitten.

Als Brussels sprouts und choux de Bruxelles eroberten sie die Felder und Küchen Englands und Frankreichs. Brüsseler Sprossen oder Brüsseler Kohl hießen sie auch hierzulande oft, bevor man sie sprachlich auf Rosen bettete. Zu Recht. Nicht nur weil sie vor Vitamin C, Kalium, Folsäure und Ballaststoffen fast platzen, sondern auch weil sie so gut schmecken. In Butter gedämpft steht ihr nussiges Aroma für sich. An Schietwettertagen ergänzt es karamellisierte Maronen oder räkelt sich unter dicker Käsesoße. Im Püree mit Kartoffeln, Crème fraîche und Muskat ist Rosenkohl Seelenfutter. Und wer trotzdem den Sommer vermisst, kombiniere ihn mit Johannisbeermarmelade.

Der kleine Belgier kann alles außer Blumensträuße. Kurt Tucholsky ließ seiner Liebsten im Roman „Schloss Gripsholm“ einen Strauß aus Möhren, Petersilie und Sellerie binden. Kein Rosenkohl. Vielleicht lag es daran, dass Kohlröschen an sehr dicken Strünken sitzen. Vielleicht lag es auch an Kurt Tucholsky. Einmal teilte er mit, er hasse das Militär, die Vereinsmeierei und Rosenkohl – in dieser Reihenfolge. In diesem Fall ist Bitterhopfen und Malz verloren. In allen anderen Fällen lohnt sich ein Blick über den Tellerrand. Die Aussichten sind rosig.

Nussiger Rosenkohl aus dem Ofen
Ein Rezept von Karin Midwer

Für 4 Portionen:
500g Rosenkohl (kleine Röschen bevorzugen), 250g kleine Zwiebeln, 3 EL mildes Öl Salz, Pfeffer, 4 bis 5 Thymianzweige, ein paar Thymianblättchen zum Anrichten, 1 kleine Handvoll Haselnüsse, 1 Zitrone, Muskat nach Geschmack

Zubereitung:
Ofen auf 200 Grad vorheizen. Rosenkohl waschen, trocken tupfen, Strunkansätze entfernen, ohne dass die Röschen zerfallen, die großen halbieren. Zwiebeln schälen und halbieren. In einen Schmortopf füllen, Öl drübergeben, salzen und pfeffern. Alles gut vermengen. Thymianzweige dazugeben. Circa 25 Minuten im Ofen rösten, zwischendurch ein- bis zweimal umrühren, die letzten 10 Minuten die grob gehackten Haselnüsse dazugeben. Nach Belieben mit ein wenig Zitronensaft beträufeln, etwas Muskat drüberreiben und mit einigen Thymianblättchen anrichten.

Und sonst so?

Neu im Oktober:
Quitte, Winterrettich, Schwarzwurzel

Neu im November:
Grünkohl

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Er grünt nicht nur zur Winterzeit, nein, er ist dabei auch noch schön, schmackhaft und gesund. Brassica oleracea var. gemmifera ist der jüngste Spross der weitwüchsigen Familie Kohl und unser Gemüse der Saison im literarischen Porträt