Rückkehr der Heizpilze

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der heutige Titel klingt ein bisschen nach Horrorfilm, und das stimmt ja in gewisser Weise auch. Hatten wir nicht gedacht, Heizpilze würden zusammen mit ein paar anderen aberwitzigen Gerätschaften (Laubbläsern, Einweggrills, Plastikgeschirr) auf dem großen Sperrmüllhaufen mit der Aufschrift „Produkte, die die Welt nicht braucht“ landen? Aber nun bekommen sie eine zweite Chance als Retter der Außengastronomie, zumindest temporär. Denn es lässt sich nicht mehr leugnen, der Herbst ist da und auf den folgt gewöhnlich der Winter. Wer jetzt kein Bier hat, trinkt auch keines mehr, jedenfalls nicht draußen – und drinnen lauern die Aerosole. Theoretisch müsste regelmäßig durchgelüftet werden, dann wäre es selbst dort nicht mehr warm.

Also erlauben Kommunen wie zum Beispiel Tübingen, Frankfurt, Stuttgart, Essen, Hannover, Hamburg und einige Berliner Bezirke wieder, was sie aus Klimaschutzgründen schon mal verboten hatten. Dirk Messner, Chef des Umweltbundesamtes (UBA), findet das für eine Übergangszeit vertretbar, auch wenn es ihn nicht freut. Laut UBA stößt so ein gasbetriebener Heizpilz in einer Stunde durchschnittlich zweieinhalb Kilo CO2 aus. Aufs Jahr gerechnet etwa so viel wie ein Kleinwagen. Nun gibt es ja auch mit Strom betriebene Terrassenheizungen – was bei 100 Prozent Ökostrom zumindest besser fürs Klima wäre, aber so weit sind wir noch nicht.

Was tun? Während Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) eine CO2-Kompensation wie beim Fliegen in die Debatte geworfen hat, geißeln Umweltverbände die Nutzung von Heizpilzen prinzipiell und propagieren stattdessen die gute alte Wolldecke. In manchen Ländern schwört man auf beheizbare Sitzkissen mit Akku, wobei der leider auch nicht ohne gelegentliche Energiezufuhr auskommt. Partyzelte oder Pavillons wären weitere Optionen. Es könnte bald so aussehen, als hätte jemand Iglus abgeworfen. Ohne Heizung wird es da drin allerdings auf Dauer auch recht frisch.

Aber ob all diese Maßnahmen es bei weiter sinkenden Temperaturen schaffen, die Gastronomie zu retten? Zweifelhaft. Immerhin, die Baumärkte freuen sich über den reißenden Absatz im Heizpilzsegment, dabei zählen die ohnehin schon zu den großen Gewinnern der Krise. Wir erinnern uns: Kita zu, Baumarkt geöffnet. Käme es zur flächendeckenden Ausrüstung von Klassenzimmern mit Heizpilzen, um das ständige Lüften erträglicher zu machen, dürfte es allerdings zu Lieferengpässen kommen. (Kleiner Tipp für Freunde der Goldwaage: Vorsicht Satire!)

Sagenhaft, was wir alles ersinnen, erlauben, erwägen, um die subjektiv als ewig empfundene, in Wirklichkeit aber wohl zeitlich begrenzte Corona-Periode zu überstehen. So viel Arbeit, Zeit und Geld werden investiert, und wann hätte die Wissenschaft je eine so wichtige Rolle gespielt? Man wünscht sich denselben Einsatz bei der Bekämpfung der Klimakrise, bloß bitte mit mehr Einigkeit zwischen Bund und Ländern und international sowieso. Mit einem Virus kann man zwar nicht verhandeln, mit dem Klima aber ebenso wenig, und die Folgen der Veränderungen werden viel dramatischer, teurer und vor allem langfristig und unumkehrbar sein.

Anfang dieser Woche ist die „Polarstern“ von ihrer Mosaic-Expedition in der Arktis zurückgekehrt. Dort herrscht Klimawandel im Zeitraffer. Die Crew habe „dem arktischen Meereis beim Sterben zugesehen“, berichtete Expeditionsleiter Markus Rex aus einer untergehenden Welt. Statt mehrjährigen Eises: weite Flächen offenen Wassers, fast bis zum Nordpol. In ein paar Jahrzehnten könnte das sommerliche Meereis komplett verschwunden sein. Seine Fläche ist seit den Achtzigerjahren um die Hälfte geschrumpft. Ein systemrelevantes Ökosystem, das vielleicht bald auf der Intensivstation liegt.

Das geschah und geschieht, während wir unter Heizpilzen von wärmeren Jahreszeiten träumen. Sehr warme Jahreszeiten könnten es werden, mit vielen nicht bestellten Überraschungen, die wir trotzdem bezahlen müssen. Besser gesagt: die nachfolgenden Generationen.

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Unsere Autorin Kerstin Eitner erinnert daran, dass man mit dem Klima nicht verhandeln kann
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Auf Wahrheitssuche

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Fakt, Fälschung, Fiktion? Gar nicht so leicht, das auseinanderzuhalten. Die Geschichte kennt zahlreiche Beispiele für Mythen, Lügen und Verschwörungstheorien, die durch Gesellschaft, Medien und Politik geistern. Von den angeblichen Brunnenvergiftern des Mittelalters über Bismarcks Emser Depesche, die Dolchstoßlegende und den Reichstagsbrand bis zu den Hitlertagebüchern, Barschels Ehrenwort und Saddams Massenvernichtungswaffen – in harmloseren Fällen führten die Wahrheitsverdrehungen zu Hohn, Spott und Verlust der Glaubwürdigkeit, manchmal aber auch zu Ausgrenzung, Antisemitismus und Verfolgung oder schlimmstenfalls zum Krieg.

Wer’s glaubt, wird selig. Und heute? Wird gelogen wie eh und je, beschleunigt und befeuert von den sogenannten sozialen Medien. In einer Reihe von Ländern bekleiden Klimawandelleugner, Realitätsverweigerer und notorische Lügner höchste Staatsämter. Der in dieser Hinsicht herausragendste Repräsentant fungiert derzeit als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. 20.000-mal soll er laut Zählung der Washington Post seit Amtsantritt gelogen haben. Auch die Wirtschaft ist keine Oase der Lauterkeit.

Kurzum, es schien der Redaktion des Greenpeace Magazins nicht nur angebracht, sondern nachgerade geboten, die Wahrheit zum  Schwerpunktthema der aktuellen Ausgabe zu machen. Gleich mal vorab: Wir haben die Wahrheit natürlich auch nicht gepachtet, versuchen aber, ihr so nahe wie möglich zu kommen.

Wir zeigen, wie leicht es ist, sich von Bildern an der Nase herumführen zu lassen, und geben Ihnen einen Einblick in unsere Arbeitsweise. Unser Autor Toralf Staud erklärt, welche gesicherten Erkenntnisse die Wissenschaft über das Klima hat, wo es noch Forschungsbedarf und offene Fragen gibt und was man nie genau wissen wird. Mein Kollege Thomas Merten beschreibt, welchen Anfeindungen die junge schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg ausgesetzt ist, nur weil sie rational denkt und die Politik mahnt, auf die Wissenschaft zu hören.

Mit welchen Methoden Konzerne an der Wahrheit herumschrauben und gesellschaftliche Debatten in ihrem Sinne beeinflussen, analysieren Frauke Ladleif und Fred Grimm. Wir stellen Ihnen fünf Menschen vor, die zu Umweltskandalen, Tierquälereien, verschwundenen Migranten und den Wurzeln von Pandemien und Verschwörungsmythen recherchieren und die gefundenen Wahrheiten ans Licht bringen, und erinnern an drei Whistleblower, die für ihren Mut mit Strafversetzung, Gefängnis und Exil bezahlen mussten. Außerdem liefern wir nützliche Zahlen und Infos sowie eine Handreichung zur Früherkennung von Fake News.

Weitere wahre Geschichten lesen Sie in unserem Teil 2. Zum Beispiel Positives über die USA. Doch, sowas gibt’s! Junge Menschen, die sich für Klima und Umwelt, faire Wahlen und Gerechtigkeit einsetzen. Wobei wir es uns nicht verkneifen konnten, eine kleine Auswahl aus einer langen Liste von Maßnahmen der Regierung Trump aufzuführen, mit denen Umwelt- und Klimaschutzgesetze ihrer Vorgänger außer Kraft gesetzt wurden.

Wir laden Sie auch zu zwei Zeitreisen ein, zum einen mit australischen Biologen, die ein komplettes Ökosystem ausgetauscht haben, zum anderen mit Greenpeace zur allerersten Aktion in Deutschland im Jahr 1980. Sie können sich ferner Klarheit über unser Leitungswasser verschaffen, ungewöhnliche Porträts von Labormäusen betrachten, einige Tatsachen über Kaiserpinguine, Rosenkohl und Sauerstoff zur Kenntnis nehmen und sich zu guter Letzt aufs Rad schwingen in der Hoffnung, kopenhagenhafte Verhältnisse herbeizuführen.

Sollte es in Ihrer Gegend für Fahrradausflüge zu regnerisch und stürmisch sein, machen Sie es sich doch drinnen mit dem neuen Greenpeace Magazin bequem. Es lohnt sich, wirklich wahr.

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Unsere Autorin Kerstin Eitner empfiehlt die Lektüre des druckfrischen Greenpeace Magazins
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Horst, der Baumeister

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den größten Teil unseres Lebens – Wohnen, Arbeit, Bildung, Einkaufen, Sport, Kultur, Unterhaltung –verbringen wir in oder zwischen Gebäuden. Sie sind so allgegenwärtig und selbstverständlich, dass wir sie kaum noch wahrnehmen.

Außer vielleicht, wenn der Startschuss für einen besonders umstrittenen und/oder teuren Bau fällt.  Ein Bahnhof in Stuttgart, ein Flughafen in Berlin oder ein Konzerthaus in Hamburg kann für temporären, mitunter auch länger anhaltenden Unmut sorgen, vor allem angesichts der Knappheit von Wohnraum und der damit verbundenen Preissteigerungen in Ballungsgebieten. Aber sonst denken wir in der Regel selten über das Bauen nach. Allenfalls darüber, welchen Spitznamen das eine oder andere Wahrzeichen kriegen soll. Sehr erfinderisch ist der Berliner Volksmund: Die schwangere Auster (Kongresshalle im Tiergarten), Waschmaschine (Bundeskanzleramt) oder Erichs Lampenladen (der mittlerweile abgerissene Palast der Republik) sind nur ein paar Beispiele.

Dabei wäre Nachdenken dringend nötig, denn es gäbe viel zu tun. Erstens werden natürlich, siehe oben, in vielen Städten und Regionen mehr Wohnungen gebraucht; keine Luxusdomizile, sondern bezahlbare Bleiben für alle Einkommensklassen. Zweitens dürfen diese, wie Homeoffice und -schooling in den letzten Monaten gezeigt haben, auch gern anders (sprich: geräumiger) geschnitten oder flexibler konzipiert sein als heute üblich. Drittens frisst der Gebäudesektor fast 40 Prozent der Energie, wird überwiegend mit fossilen Brennstoffen beheizt, verursacht etwa 30 Prozent der Treibhausgasemissionen und verbraucht Unmengen an Ressourcen.

Es müsste also nicht nur größer, sondern auch kostengünstiger und zugleich umwelt- und klimafreundlicher gebaut und saniert werden. Aber wie? Stolze 20.000 Baunormen hat Deutschland. Derzeit werkelt die Bundesregierung an einer Novelle des Baugesetzbuchs, die bis Jahresende vorliegen soll. Zuständig dafür ist, man muss kurz überlegen: Horst Seehofer, Minister für Inneres, Heimat sowie eben Bauen. Übertriebenes Interesse für diesen Bereich kann man ihm wohl nicht nachsagen, abgesehen vielleicht von Aus- und Umbauten an seiner Modelleisenbahn.

Doch mit bloßem Bauen ist es ja nicht getan. Für eine umwelt- und klimagerechte Stadtplanung ist vieles denkbar, wird erforscht und mancherorts schon umgesetzt: begrünte oder weiß gestrichene Dächer und Fassaden gegen steigende Temperaturen, „Schwammstädte“, die auch mit Starkregen fertigwerden, Bauen ohne Beton und Stryropor, Hochhäuser aus Holz, die Stadt der kurzen Wege...Auf geht's, Herr Seehofer.

Außerdem hätte ich noch einen kleinen Extrawunsch. Könnte bitte jemand dafür sorgen, dass auch schöner gebaut wird, damit einen angesichts von Investorenwürfeln, Gewerbeimmobilien oder Neubaugebieten nicht sofort dieses innere Frösteln packt? 2007 gab es mal einen Abreiß-Kalender namens „Weg damit“, der brachte es auf den Punkt. Man durfte an jedem Tag des Jahres ein hässliches Gebäude abreißen, sonntags immer ein Einfamilienhaus. Und jedes Einzelne hatte es mehr als verdient.

Damit genug für heute, aber die Redaktion hat auch noch einen kleinen Extrawunsch, und zwar an Sie. Für ein großes Interview im Greenpeace Magazin suchen wir eine Familie, die sich mit uns über das Thema Konsum austauschen möchte. Wir wollen drei Generationen an einen Tisch bringen und herausfinden: Wie unterscheiden sich die Perspektiven von Jugendlichen, ihren Eltern und Großeltern voneinander? Was ist notwendig, was ist Luxus? Ist geizig das neue Nachhaltig? Muss man wirklich immer das neueste Smartphone haben? Wie wirkt das heutige Konsumzeitalter auf die Nachkriegsgeneration? Und gerade in der Weihnachtszeit – wie halten Sie es mit Geschenken, die vielleicht nicht einmal auf Begeisterung treffen? Meine Kollegin Teresa Kraft freut sich auf Ihre Mail an gpm@greenpeace-magazin.de.

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Unsere Autorin Kerstin Eitner wäre sehr für grüneres, günstigeres und schöneres Bauen
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Besser spät als nie

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nun soll es also kommen: das seit Langem geforderte Lobbyregister. Natürlich nicht einfach so, weil die Regierung plötzlich zu der Einsicht gelangt wäre, dass es sich dabei um eine prima Idee handelt. Wie so oft mussten erst ein paar Affären und Skandälchen, einiges Anrüchige und manch Fragwürdiges ans Licht kommen, bevor die Dinge in Bewegung gerieten. Wenn ich sage „ans Licht kommen“, dann meine ich: durch Recherchen von Nichtregierungsorganisationen und Presse.

Wir erinnern uns: Der junge CDU-Abgeordnete und Hoffnungsträger Philipp Amthor schreibt einen Werbebrief für ein New Yorker Start-up namens Augustus Intelligence an Wirtschaftsminister Peter Altmaier, ebenfalls CDU, und vermittelt zwei Treffen zwischen dem damaligen Parlamentarischen Staatssekretär des Ministeriums und der besagten Firma. Kurz darauf wird Amthor in deren Aufsichtsrat berufen.

Er selbst schreibt später auf Instagram, es handele sich um ein „Unternehmen, das in einem für die ökonomische und sicherheitspolitische Zukunft wichtigen Themenfeld arbeitet“. Kann man so sagen. Konkret geht es um die Entwicklung von Technologien im Bereich Künstliche Intelligenz und Gesichtserkennung, sprich: zielgenaue Überwachung und Kontrolle durch Algorithmen. Ein Traum für Law-and-Order-Fans, (Ex)-Geheimdienstleute und Befürworter einer Privatisierung von Sicherheitsaufgaben. Für alle anderen: eher ein Albtraum.

Jedenfalls kommt nach der Sache mit Amthors Aufsichtsratsposten heraus, dass ihm auch Aktienoptionen der Firma im Wert von etwa 250.000 Dollar zustehen. Amthor gerät unter Druck, auch in der eigenen Partei. Er zieht seine Bewerbung für den Parteivorsitz der CDU in Mecklenburg-Vorpommern zurück, beendet seine Arbeit in einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss und auch seine Nebentätigkeit bei Augustus Intelligence. Der Bundestag kommt zwar zu dem Schluss, ihm seien keine Rechtsverstöße nachzuweisen, aber Amthor räumt ein, sein Verhalten sei politisch nicht besonders klug gewesen.

Noch ein anderer hat sich, wie kürzlich bekannt wurde, an höchster Stelle für Augustus Intelligence stark gemacht: Karl-Theodor zu Guttenberg, gewesener CSU-Bundesminister, erst für Wirtschaft und dann für Verteidigung. Ja, der mit der Doktorarbeit. Auch er war mit dem Unternehmen verbandelt, erst als Aktionär, später als Mitglied des Verwaltungsrats. Bei einem Treffen mit der Bundeskanzlerin im September 2019 setzt er sich nicht nur für die New Yorker Firma ein, sondern auch für eine deutsche Firma namens Wirecard, die mittlerweile zu trauriger Berühmtheit gelangt ist. Brisant an diesem Treffen ist auch, dass das Bundeskanzleramt dem Linken-Abgeordneten Fabio De Masi gegenüber auf dessen Nachfrage Anfang Juli zwar über eine E-Mail von Guttenberg berichtete, nicht aber über das Treffen.

Falls bislang noch jemand Zweifel hatte, wozu wir ein Lobbyregister brauchen: Spätestens jetzt dürften sie ausgeräumt sein. Auch der Widerstand seitens der Regierungsmitglieder von CDU und CSU bröckelt. Ein Gesetzentwurf wird erarbeitet. Ende gut, alles gut? Noch nicht ganz. Organisationen wie Abgeordnetenwatch und LobbyControl kritisieren in einem Offenen Brief die „Schmalspurlösung“. Ihnen missfällt zum Beispiel, dass ausgerechnet Kanzleramt und Bundesministerien außen vor bleiben sollen. Mittlerweile haben sich Union und SPD darauf geeinigt, dass noch mal nachgebessert werden muss.

Wenn die Regierung nun schon mal beim Großreinemachen ist, könnte sie eigentlich gleich eine andere kleine Baustelle mit abräumen. Denn man war im Verlauf der Wirecard-Enthüllungen doch einigermaßen fassungslos, dass es Mitarbeitern der dem Finanzministerium unterstehenden Aufsichtsbehörde Bafin offenbar erlaubt ist, mit Aktien von Firmen zu handeln, die sie gerade untersuchen. Und welche Aktie war in Bafin-Kreisen zwischen Anfang 2019 und Mitte 2020 der heißeste Geheimtipp? Richtig, die Wirecard-Aktie! 

Für uns alle ist es von Interesse, wie sich die Dinge beim Thema Lobbyismus entwickeln, denn es betrifft uns direkt, ob und das passt oder nicht. Ich könnte mir aber vorstellen, dass Menschen auf der Suche nach Filmstoffen ganz besonders aufmerksam sein werden. Da könnte es Angebote geben, die man einfach nicht ablehnen kann.

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Unsere Autorin Kerstin Eitner ist gespannt auf die geplante Einführung des Lobbyregisters
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Rasante Radmanöver

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der Herbst ist da. Er ziert sich noch und tut ein bisschen klimawandelhaft spätsommerlich, aber das ist ein Rückzugsgefecht, und die Schatten auf den Sonnenuhren werden schneller kommen, als uns lieb ist.

Waren schon mal so viele Menschen in den Städten mit dem Fahrrad unterwegs wie in diesem verflossenen oder verfließenden Sommer? „Wir lassen das noch mal Paroli laufen“, wie es der Fußballer Horst Hrubesch einst so unnachahmlich formulierte. Als der motorisierte Verkehr coronabedingt fast zum Erliegen kam und selbst die E-Scooter über Nacht verschwunden waren, konnte man entspannter durch die Straßen radeln als je zuvor. Ach, es könnte so schön sein…

Aber dann waren plötzlich alle Autos wieder da, samt dem üblichen Gedrängel und Gerangel. Überholen ohne Sicherheitsabstand, zugeparkte Radwege, Abgase, alles wie gehabt. Aber auch die Fahrradknäuel an der Ampel, weil alle versuchen, von der Pole Position aus die Straßenüberquerung in Rekordzeit zu absolvieren. Die Tour de France ist nichts dagegen. Den Fahrradhandel freut’s, die Infrastruktur ist inzwischen aber leider nicht besser geworden.

Für Hamburg plant Anjes Tjarks, der grüne Senator des neuen Ressorts für Verkehr und Mobilitätswende immerhin einiges: mehr Radwege, Fahrradstraßen, Ausbau der sogenannten Velorouten, und im Herbst sollen Pop-up-Fahrradstreifen Einzug halten. Mal sehen, ob die Zweiradoffensive irgendwann auch meinen diesbezüglich benachteiligten Stadtteil erreicht. Eine schnieke Website der Stadt suggeriert schon, dass man hier ganz locker durchradeln kann und „viele tolle Fotomotive“ findet. Mit der Wirklichkeit hat das (noch?) nicht ganz so viel zu tun.

Staunend konnte man allerdings in letzter Zeit beobachten, wie in der Nachbarschaft immer mehr der eigentlich sakrosankten Pkw-Parkplätze weichen mussten: Ausweitung der Gastronomiezone. Die optisch eher ungünstigen rot-weißen Absperrgitter werden verschämt mit einem Sichtschutz aus Stroh kaschiert, und fertig ist der Beachclub. Ach, seufzt die Freiluftparkerin mit leisem Neid, wenn so eine Parkplatzumwidmung doch auch zugusten von Fahrradbügeln möglich wäre, und das nicht nur saisonal!

Bevor man das seit Jahren klaglos vor sich hin rostende gute Stück aber irgendwo abstellt, und sei es an einem Verkehrsschild, heißt es erst mal: hinein ins Verkehrsgetümmel, und da fallen mir derzeit meine radelnden Mitmenschen häufig auf die Nerven, indem sie rechts überholen, sprich: auf dem Gehweg. Eine Strichliste habe ich nicht geführt, bin jedoch sicher, dass ich das noch nie so oft erlebt habe wie in diesem Jahr. Ohne akustische Vorwarnung, dafür mit viel Tempo und wenig Abstand. Klassisches Radrowdytum, wie es die Boulevardpresse gern anprangert.

Und hier noch eine weitere empirisch nicht abgesicherte Schätzung: Ungefähr neunzig Prozent dieser rasenden Rechtsüberholer (und -überholerinnen, die sind weniger zahlreich und nicht ganz so schnell) tragen einen Helm. Fahren die so, obwohl oder weil sie einen Kopfschutz tragen? Wohl eher Letzteres. Die Wissenschaft nennt dieses Phänomen „Risikokompensation“. Die Sorge um die eigene Birne wird durch riskantes Fahrverhalten nivelliert. (Wer einen Helm trägt, wird übrigens gern auch von Autos in geringerem Abstand überholt. Das ist sogar durch Daten belegt.)  

Liebe Mitradlerinnen und Mitradler, Behelmte und Unbehelmte: Habt Ihr in Drachenblut gebadet, oder warum überholt Ihr nicht nur dauernd rechts, sondern fahrt bei Rot rüber, tragt Kopfhörer, schaut beim Fahren aufs Smartphone oder telefoniert, zeigt nicht an, dass Ihr abbiegen wollt und ignoriert alle anderen? Stimmt schon, es ist eng und ein schnelles Vorankommen schwierig, aber wird es besser, wenn man ständig im Kampfmodus unterwegs ist? Bitte abrüsten und ein paar Gänge zurückschalten!

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Unsere Autorin Kerstin Eitner fragt sich, was im Kopf ihrer radelnden Mitmenschen vorgeht
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Klima, wo man hinschaut

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man wähle ein beliebiges Medium – mit ziemlicher Sicherheit wird man auf die eine oder andere Meldung zum Klima stoßen, derzeit gern in Kombination mit Dürre und Hitze.

Was da so berichtet wird, gibt wenig Anlass zur Freude. Die Schätzung kanadischer Wissenschaftler etwa, dass die Arktis Ende dieses Jahrhunderts nahezu eisbärfrei sein könnte, von einigen wenigen Exemplaren in der Hocharktis abgesehen. Oder die Berechnungen der Weltwetterorganisation WMO, dass es vielleicht schon in den nächsten Jahren um 1,5 Grad Celsius wärmer sein wird als in vorindustrieller Zeit. Das Fazit, das ein Team der University of Southampton aus geologischen Untersuchungen zieht, nämlich dass der CO2-Gehalt der Atmosphäre im Jahr 2025, also praktisch gleich, so hoch sein wird wie zuletzt vor 3,3 Millionen Jahren.

Gletscherschmelze in der Alpenregion auf der Südinsel Neuseelands und in den deutschen Alpen, schwankende Böden durch tauenden Permafrost in Sibirien, Warnungen vor überhitzten Städten als Todesfallen – Letzteres ist kein Medien-Alarmismus, sondern kommt von der Nationalen Ozean- und Atmosphärenbehörde NOAA in den USA. Es braucht keine hellseherischen Fähigkeiten, um vorherzusagen, dass der ärmere Teil der Bevölkerung darunter mehr leiden wird als der reichere.

Auch in Deutschland warnt eine Allianz namens „Klug“ (Klimawandel und Gesundheit), gegründet von Personen, Verbänden und Organisationen aus dem Gesundheitsbereich, vor Hitzewellen, für die das Land nicht gerüstet sei. Es gibt zwar ein bundesweites Hitzewarnsystem, aber wie diese Warnungen dann umgesetzt werden, entscheiden, Sie ahnen es, die Bundesländer.

Und wo bleibt das Positive? Ja, wo bleibt es? Immerhin: Peter Altmaier (CDU), hauptberuflich Schutzpatron der deutschen Wirtschaft, hat Versäumnisse bei der Klimaschutzpolitik eingeräumt und sieht „enormen“ Nachholbedarf. Auf so viel Einsicht dürfen wir allerdings bei Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) nicht hoffen. Der fliegt mal eben von Hamburg nach Sylt. 187 Kilometer Luftlinie. Ist also auf dem Landweg kaum zu schaffen. Apropos Fliegen: 81 aller Regierungsmaschinen flogen im Zeitraum April 2019 bis April 2020 ohne Passagiere zwischen Bonn und Berlin. Wenn das nicht „gegen jeden Menschenverstand“ ist. Und sollten wir dieses Jahr doch noch mit knapper Not die Klimaziele erreichen (40 Prozent weniger Treibhausgasemissionen gegenüber 1990), verdanken wir das dem milden Winter und dem coronabedingten Wirtschaftseinbruch, nicht der großartigen Politik. Mist!

Findet jenseits des Atlantiks auch der 71-jährige US-Amerikaner Andrew Feeney, gewissermaßen das Senioren-Pendant zu Greta Thunberg. In jeder Sitzungsperiode des Kongresses steht er täglich als Ein-Mann-Klimademo vor dem Kapitol in Washington mit einem Protestplakat, abends malt er immer ein neues. Zumindest tat er das bis Anfang des Jahres, bevor die Corona-Pandemie zuschlug. Aber ganz gleich, wo und wann: Klimaprotest ist wohl bis auf Weiteres alternativlos.

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Waldspaziergang

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Multitasking? Für den Wald überhaupt kein Problem. Er bietet Erholung, Kühlung, Luftreinigung und Lebensraum für eine enorme Vielzahl von Arten, dient als Wasser- und CO2-Speicher, liefert Holz und sorgt obendrein für Bildung an frischer Luft. Grund genug für uns, diesem mit Mythen und Emotionen aufgeladenen Ökosystem eine Ausgabe des Greenpeace Magazins zu widmen.

Doch leider gibt es über unsere Wälder nicht nur Schönes und Märchenhaftes zu berichten. Vor allem die Funktion von Bäumen als Kohlenstoffsenke, die CO2 aus der Atmosphäre in Wurzeln und Stämmen binden, ist in Zeiten der Klimakrise von großer Bedeutung, steht infolge von Dürren und Extremwetter aber ihrerseits auf der Kippe, auch in unseren Breiten. Expertinnen und Experten sind sich einig: Dem Wald geht es heute schlechter als in den Achtzigerjahren, als das „Waldsterben“ Furore machte. Dem sauren Regen konnte man seinerzeit noch durch den Einbau von Entschwefelungsanlagen in Kraftwerken und Katalysatoren in Automotoren beikommen, aber der Ausstoß von Treibhausgasen steigt immer weiter.

Diesem Waldsterben 2.0 spürt mein Kollege Wolfgang Hassenstein auf einer Deutschlandreise nach und fragt Leute, die es wissen müssen, was ihre Forschungen ergeben haben, welche Vorschläge sie daraus ableiten beziehungsweise wie sie den Auswirkungen der Dürre konkret begegnen.

Katja Morgenthaler indes unternimmt eine Reise in die Vergangenheit, rund 2000 Jahre weit, um das angeblich so spezielle Verhältnis der Deutschen zum Wald zu ergründen. Und siehe da: Die oft besungene Deutsche Eiche hat sicher vieles, aber keine Nationalität, ebenso wenig wie unser keineswegs einzigartiger Wald.

Das ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass er gelegentlich mit Besetzungen, Demos oder Eingaben gegen menschliche Übergriffe verteidigt werden muss. Denn Projekte wie der Bau von Autobahnabschnitten, Gewerbegebieten, Fabriken oder Logistikzentren oder die Förderung von Kohle oder Kies beginnen oft mit der großflächigen Abholzung oftmals alter Baumbestände, bedrohen seltene Tierarten und Wasserreservoire. Wir besuchen den Widerstand im Unterholz.

Waldwesen anderer Art stellt Ihnen Teresa Kraft vor, darunter bekanntere Exemplare wie Mittelspecht, Zunderschwamm und Dachs und eher weniger bekannte wie Pseudoskorpion, Kahlrückige Waldameise und Puppenräuber. Carsten Jasner geht der Frage nach, ob Rehe, Hirsche und Wildschweine dem Wald so sehr schaden, dass die Jagd auf sie verschärft werden muss – oder ob es andere Lösungen gäbe. Und schließlich erklärt Frauke Ladleif, warum es gar nicht so einfach ist, Emissionen durch das Anpflanzen von Bäumen zu „kompensieren“ und auf diese Art das Klima zu schützen. Nun wissen Sie so viel über den Wald, dass Sie das Rätsel sicher mir nichts, dir nichts lösen können.

Wenn Sie aus dem Dickicht hervortreten, finden Sie in Teil 2 Wichtiges, Interessantes und Unterhaltendes zu weiteren Themen. Zum Beispiel: einen Report über das nach wie vor ungelöste und milliardenteure Problem der Endlagerung von Atommüll; einen Dschungel ganz anderer Art, nämlich den aus oft zweifelhaften Siegeln und Prädikaten, mit denen Lebensmittelhersteller gern ihre Produkte zupflastern; eine Fotoreportage über die Werkzeuge, mit denen unsere Nutztiere zugerichtet werden – im Sinne der Effizienz. Außerdem: echtes Gold und das Tafelsilber der Einheit, zauberhafte Zwiebeln, eine Expressente, Medientipps und unsere Klima-Kolumne.

Ich wünsche Ihnen eine spannende und anregende Lektüre. Falls Sie die neue Ausgabe zu einem Waldspaziergang inspiriert, genießen Sie ihn. Ein angenehmerer Ort lässt sich bei diesem Wetter schwerlich finden.

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Unsere Autorin Kerstin Eitner wandelt mit Ihnen durch ein bedrohtes Paradies
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Krieg und Frieden

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so oft man die Geschichte gehört hat, so unvorstellbar bleibt sie: Am 6. August 1945 um 8.16 Uhr morgens detonierte eine US-Uranbombe mit dem verniedlichenden Namen „Little Boy“ in 580 Meter Höhe über der japanischen Stadt Hiroshima und machte sie dem Erdboden gleich – kaum ein Gebäude hielt der enormen Sprengkraft stand. Von vielen Männern, Frauen und Kindern blieben nur Schatten, eingebrannt in Straßen, Treppenstufen und die wenigen erhaltenen Mauern. Die Menschen waren buchstäblich verdampft.

Drei Tage später folgte die Zerstörung der Stadt Nagasaki durch die Plutoniumbombe „Fat Man“. Innerhalb von vier Monaten hatten beide Städte zusammen rund 200.000 zivile Todesopfer zu beklagen. Wie viele in den Jahren und Jahrzehnten danach an Spätfolgen der Strahlung erkrankten oder starben, wird sich wohl nie genau beziffern lassen. Am 15. August 1945 verlas Kaiser Hirohito im Radio den „Kaiserlichen Erlass zur Beendigung des Großostasiatischen Krieges“. Viele Japanerinnen und Japaner hörten zum ersten Mal die Stimme des als gottähnlich geltenden Tennō und warfen sich erschrocken zu Boden. Am 2. September unterzeichnete Japan die Kapitulationsurkunde.

Bis heute hält sich in den USA der Mythos, die Atombombenabwürfe hätten den Zweiten Weltkrieg beendet, dabei war die Kapitulation Japans nur eine Frage der Zeit. Militärisch war das Land längst geschlagen, die wichtigsten Städte waren größtenteils zerstört, Okinawa und Iwojima verloren, die Bevölkerung litt an Hunger und Entbehrungen. Anfang Juli hatte Radio Tokio gemeldet, die Eignung von Kiefernwurzelöl als Flugbenzin werde getestet und im japanischen Waffenamt sei eine „Abteilung für die Produktion von Holzflugzeugen“ eingerichtet worden. Eine Woche vor der Rede des Kaisers hatte zudem die Sowjetunion Japan den Krieg erklärt.

„Es war nicht nötig, dieses furchtbare Ding auf sie abzuwerfen“, sagte der ehemalige US-Präsident Dwight D. Eisenhower 1963, zwei Jahre nach dem Ende seiner Amtszeit. Eisenhower, im Krieg Oberbefehlshaber der Alliierten Expeditionsstreitkräfte, und andere ranghohe Militärs hatten Bedenken gegen den Einsatz der Atombomben geäußert, und selbst dem amtierenden Präsidenten Harry S. Truman war nicht ganz wohl bei der Sache. Die Scharfmacher und Drahtzieher, die ihn lehrten, die Bombe zu lieben oder wenigstens für notwendig zu halten, waren Kriegsminister Henry L. Stimson und vor allem Außenminister James F. Byrnes.

Inzwischen sind viele Historiker in den USA und weltweit allerdings der Meinung, dass es im Grunde ein militärischer Test zweier unterschiedlicher Bombentypen war, weil man sie nun einmal hatte. Die Zivilbevölkerung der beiden Städte hätte den Amerikanern also als Versuchskaninchen gedient – eine gruselige Vorstellung.  

Und die Lehren aus Hiroshima und Nagasaki? Nun, von der Welt ohne Atomwaffen, die Ex-US-Präsident Barack Obama 2009 bei seiner berühmten Prager Rede beschwor, ist die Menschheit nach wie vor weit entfernt. Noch immer gibt es rund 13.400 Atomsprengköpfe, 6.375 davon in Russland und 5.900 in den USA. Der Rest verteilt sich auf sieben weitere Staaten, darunter, nicht sonderlich beruhigend, Nordkorea mit seinem irrlichternden Präsidenten Kim Jong-un.

Später propagierte Eisenhower, sozusagen als Wiedergutmachung, die „Atoms for Peace“: Atomstrom so billig, dass man den Verbrauch gar nicht werde messen können. Der Unfall in der sowjetischen Anlage Majak 1957, das Feuer in der britischen Atomfabrik Windscale im selben Jahr, der Beinahe-GAU von Three Mile Island in den USA 1979, die Katastrophen von Tschernobyl 1986 und Fukushima 2011 hatten wenig Friedliches an sich. Vom „Normalbetrieb“, der allzu häufig mit der legalen Ableitung großer Mengen radioaktiver Gase und Flüssigkeiten in die Umgebung einherging und -geht, und der ungelösten Atommüllfrage haben wir da noch gar nicht gesprochen – und von der zivilen zur militärischen Nutzung der Atomspaltung ist es rein technisch nicht allzu weit.

Mag die Atomenergie in vielen Ländern Europas und in den USA heute nicht mehr populär sein, anderswo setzt man auf sie: Ruanda ist im Begriff, mit russischer Hilfe einzusteigen, auch Ägypten, Äthiopien, Nigeria, Sudan und Südafrika haben Deals mit dem Atomkonzern Rosatom abgeschlossen. In Abu Dhabi hat mit dem AKW Barakah gerade der erste Meiler der arabischen Welt den Testbetrieb aufgenommen.

Die Geschichte des Atomzeitalters ist, wie es aussieht, auch ein Dreivierteljahrhundert nach Hiroshima und Nagasaki noch nicht zu Ende erzählt.

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Die Plastik-Renaissance

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an welches Geräusch werden wir uns wohl erinnern, wenn die Corona-Pandemie eines fernen Tages vorbei ist? Wird es das Rauschen von Blättern im Wind oder von Meereswellen sein? Das Zwitschern der Vögel, das Summen der Bienen oder andere Tierlaute, die man sonst nie hören konnte? Vielleicht gar der Klang der Stille, die sich durch die Abwesenheit von Flug-, Auto- und Freizeitlärm über Stadt und Land legte? Oder, etwas profaner, das Klackern der Tastatur von PC oder Laptop?

Ich fürchte, es könnte auch das Rascheln, Knistern und Knacken von Plastik sein. Denn in diesen Zeiten drängt es sich wieder mehr in den Vordergrund, auch außerhalb von Krankenhäusern, wo der Schutz von Patienten und Personal den Einsatz von Ausrüstung, Gerätschaften und Vorrichtungen aus Kunststoff rechtfertigt. Aber anderswo treibt das Phänomen teilweise seltsame Blüten.

Vor allem im Lebensmittelbereich feierte Einwegplastik in letzter Zeit ein triumphales Comeback. Mitgebrachte Mehrwegbehältnisse für Lebensmittel oder Getränke galten plötzlich als böse Virenschleudern. Alles wurde in Folien gehüllt und in Wegwerfboxen gepackt, das Mittagessen fürs Homeoffice, der Snack für unterwegs, das Obst im Supermarkt. Acht US-Bundesstaaten hoben ihr Verbot für Einkaufstüten aus Plastik wieder auf, woran die Lobbyarbeit der Kunststoffindustrie nicht ganz unschuldig war – sogar die gute alte Einkaufstasche wurde an den Pranger gestellt. Auch in Europa vergaßen viele Menschen alles, was sie jemals über Plastikfasten gehört oder gelesen hatten.

Aber wie steht es denn nun um Hygiene und Ansteckungsgefahr? Expertinnen und Experten aus aller Welt verweisen in einer gemeinsamen Erklärung darauf, dass das Virus erstens hauptsächlich durch die Luft übertragen wird, sich zweitens auf Kunststoff ebenso wie auf Edelstahl zwei bis sechs Tage lang hält und dass es eine verblüffend einfache Lösung für die Hygienefrage gibt: Wasser und Seife bzw. Spül-, Reinigungs- oder schlimmstenfalls Desinfektionsmittel. Plastik bietet keinerlei Vorteil beim Gesundheitsschutz, sondern nur die altbekannten Nachteile: bergeweise leere Verpackungen im Müll, die meist nicht recycelt werden, sondern auf Deponien, in Verbrennungsanlagen oder im Meer landen.

Das Duale System Deutschland vermeldet, dank Homeoffice, geschlossener Kantinen und Restaurants sei die Menge an Plastikverpackungen im Hausmüll um zehn Prozent gestiegen. Verschärft wird das Problem dadurch, dass der Ölpreis seit Monaten die tiefsten Tiefen auslotet, will heißen: Die Herstellung von neuem Plastik aus Rohöl ist sensationell günstig, das vergleichsweise teure Recycling lohnt sich nicht. Einige Anlagen mussten bereits abgestellt werden oder arbeiten mit verminderter Leistung.

Preisfrage: Was tun, wenn Recyclingkunststoff bis zu 50 Prozent der Treibhausgasemissionen von neu produziertem Plastik einspart, also viel umweltfreundlicher, aber auch viel teurer ist als Letzteres? Zum Beispiel eine EU-weite Abgabe auf nicht recycelten Kunststoff einführen. Genau das haben die Staats- und Regierungschefs und -chefinnen auf ihrem Sondergipfel zu EU-Haushalt und Corona-Wiederaufbauhilfen beschlossen. 80 Cent pro Kilogramm sollen es sein. Gute Idee. Hoffentlich haben sie alle Ohrstöpsel vorrätig, um das Wehklagen der Plastikindustrie auszublenden.

Aber es muss sein, damit die Prognose der Pew Charitable Trusts aus Philadelphia und des Londoner Thinktanks Systemics, Ltd. nicht eintrifft: dass sich nämlich der jährliche Eintrag von Plastik in die Meere bis 2040 verdreifachen könnte. Die langfristige und nachhaltige Lösung wäre natürlich der Einstieg in eine Kreislaufwirtschaft. Helfen könnten auch Mindestquoten beim Recycling sowie nachhaltigere und langlebigere Kunststoffe. Denn eins ist klar, eine Welt ohne Plastik ist nach heutigem Wissensstand kaum denkbar.

Sie und ich reißen uns einstweilen schon mal kräftig am Riemen und versuchen uns plastikmäßig weiter einzuschränken. Nicht alle von uns können so fulminante und erfolgreiche Kampagnen starten wie die Schwestern Melati und Isabel Wijsen auf Bali, aber zwischen Ex-und-hopp-Mentalität und Heldentum an der Plastikfront ist ja reichlich Platz.

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