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„Aus Quatsch wurde etwas Sinnvolles.“
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Schrauben mit Sinn
Erst war es eine Partyidee. Ein Freundeskreis junger Leute in Köln, die ihr Fahrrad lieben, die gern elektronische Musik machen, gründet eine Gang – die Faradgang, ohne „h“, aus Quatsch. Das Logo war schnell designt, ein Blog gestartet, die ersten Tracks gemixt. Doch reicht das? „Nein, wir dachten über die Themen Mobilität, Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit nach. Wir sahen, dass die meisten Geflüchteten am Rande von Köln untergebracht waren, aber ständig in die Stadt müssen, für die Deutschkurse, für die Teilhabe am Leben“, sagt Bastian Boss, 37 Jahre, ein Mitglied der Gang.

Also gründeten er und seine Mitstreiter einen richtigen Verein und fragten im Freundeskreis nach alten Rädern. Seit fünf Jahren organisieren sie zweimal im Monat sogenannte Schraubertage. „Zusammen mit den Geflüchteten machen wir die alten Räder wieder fit, damit jeder eines mitnehmen kann“, sagt Bastian Boss. Mal sind es zwanzig Räder, mal dreißig, die Nachfrage ist riesig. Die Gang bittet in den sozialen Medien um Fahrradspenden.

Als Bastian Boss nach Berlin-Neukölln zog, stellte er fest, dass es hier die vielen Jugendlichen aus prekären Verhältnissen sind, die dringend mehr Mobilität brauchen. Also startete er kurzerhand einen Gangableger. Jeden Montagabend treffen sie sich nun in einer Werkstatt in Neukölln. Jeweils drei Schrauberinnen und Schrauber arbeiten zusammen mit drei Jugendlichen, die ihnen von Sozialarbeitern aus Schulen und Jugendclubs vermittelt werden. Oft haben die Jugendlichen schon mal was ausgefressen, gehen nicht gern zur Schule, haben wenig Perspektive. In der Werkstatt flicken sie Reifen, erneuern Bremszüge, ölen Ketten. Zwischendurch wird gekocht, gegessen und geredet, über Zukunftspläne und wie man ihnen helfen kann, durch die Vermittlung eines Praktikumsplatzes zum Beispiel.

Danach können die Jugendlichen ihr Rad mit nach Hause nehmen. Für manche ist es ihr erstes überhaupt. „Egal, ob ich vom Tag geschafft bin, mit den Jugendlichen zu schrauben, ist großartig. Und die nehmen außer dem Fahrrad noch etwas mit: das Gefühl, was geschafft zu haben, und das Erlebnis, auf Augenhöhe zu arbeiten.“ Manche kommen wieder, wollen mehr lernen, einer möchte jetzt Zweiradmechaniker werden. „Aus einer Quatschidee wurde etwas Sinnvolles“, sagt Bastian Boss.

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